Kultur

Was die Deutschen im Dritten Reich lasen, zeigt diese Bilderwand mit den Titeln beliebter Bücher. (Foto: Museen Nürnberg)

24.05.2013

Strandgut der Geschichte

Zwei Ausstellungen in Nürnberg dokumentieren den ideologisch konformen Lesestoff im nationalsozialistischen Deutschland

Was die Nazis im Mai vor 80 an Büchern verbannten und verbrannten, ist weitgehend bekannt. Was aber im Dritten Reich offiziell gelesen, gar zum Bestseller wurde, welche Autoren geduldet wurden, welchen Schriftstellern gehuldigt wurde, ist bis heute weniger bekannt. Umso verdienstvoller sind deshalb zwei Ausstellungen in Nürnberg, der einstigen „Stadt der Reichsparteitage“, die die Frage stellen: Was lasen die Deutschen im nationalsozialistischen Deutschland?
Das NS-Dokumentationszentrum greift dabei auf Bücher zurück, die sich in den letzten Jahren als Geschenke von Bürgern angesammelt haben: mittlerweile an die 2500 Titel belletristischer Literatur, aber auch Sachbücher und propagandistische NS-Literatur, natürlich auch Hitlers Mein Kampf und der weit verbreitete Mythus des 20. Jahrhunderts von Alfred Rosenberg, dem Chef-Ideologe des Nationalsozialismus.
Diese gelesenen, sogar zerlesenen Bücher und Schriften aus der Sammlung des Nürnberger Dokumentationszentrums sind gleichsam Strandgut der Geschichte, das bei Haushaltsauflösungen oder aus Erbschaften anfiel und von den Nachfahren nicht der Papiertonne überantwortet wurde, sondern – nach entsprechenden Aufrufen – beim NS-Dokumentationszentrum in Schachteln und Plastiktüten abgegeben oder einfach anonym vor die Tür gestellt wurde.

Rückgriff auf Vorhandenes

Diese Bücherschau, von einer höchst informativen Broschüre begleitet, führt vor Augen, dass weder der Nationalsozialismus, geschweige denn die fälschlicherweise sogenannte NS-Literatur 1933 vom Himmel fielen und über die Deutschen kamen. Vielmehr kam in Deutschland schon im 19. Jahrhundert eine „völkische“ Literatur auf, die von den Nationalsozialisten nach 1933 für ihre propagandistischen Zwecke instrumentalisiert und entsprechend verbreitet werden musste.
Diese Bücher und ihre heute kaum noch bekannten Autoren hielten hoch, was in der NS-Ideologie kulminierte: Volk und Vaterland, die deutsche Familie, die deutsche Heimat und der deutsche Held, die „deutsche Seele und das deutsche Gemüt“ – Werte also, die in dem Begriffspaar „Blut und Boden“ zusammenflossen. Die Urheber solcher Literatur waren Will Vesper und Hans Grimm (Volk ohne Raum), Guido Kolbenheyer, Hanns Johst, Friedrich Blunck oder Hans Zöberlein, dessen Erster-Weltkriegsroman Roman Glaube an Deutschland es im NS-Staat zu einer Auflage von 800 000 Exemplaren brachte.
Gelesen wurde aber nicht nur diese nationalistische, rassistische und antisemitische Literatur, sondern auch Zukunfts- und Science-Fiction-Literatur sowie Erbauungs- und Heimat-Literatur. Man wollte die deutschen Leser mit trivialem und banalem Lesestoff, ja sogar Kitsch, ähnlich wie im Film, bei der Stange halten – oder ablenken.
Wie man Bücher auch vor den Scheiterhaufen retten konnte, zeigt die Ausstellung Vom Umgang mit verbotener und rechter Literatur von 1933 bis 1945 an Beispielen aus der Stadtbibliothek Nürnberg. Sie geht anhand originaler Quellen der Frage nach, wie willfährig oder widerständig die kommunale Bücherei ihre Schätze der Verbrennung auslieferte.

Heimlich aufbewahrt

Und dabei stellt sich heraus, dass es selbst im „braunen“ Nürnberg“, wo der „Franken-Führer“ Julius Streicher in seinem Hetzblatt Der Stürmer reichsweit anheizte, dass es also in diesem Nürnberg möglich war, Bücher vor den Flammen zu retten. So lieferte die Volksbücherei Nürnberg vor allem zerlesene und sowieso auszuscheidende Bücher für die Verbrennungsaktion auf dem Nürnberger Hauptmarkt und zog die missliebigen Werke der von den Nazis verdammten Schriftsteller aus dem Leihverkehr – bewahrte sie aber heimlich auf. Was nicht unbedingt als Akt des Widerstandes zu verstehen ist, sondern sich wohl auch der Liebe zu einer Literatur verdankt, deren literarische Substanz man richtig einzuschätzen wusste.
Sehr genau geht darauf der hervorragend wissenschaftlich aufbereitete Katalog ein, in dessen Aufsätzen die Bücherverbrennung von 1933 und die Literaturpolitik des Nationalsozialismus abgehandelt werden – weit über das Beispiel Nürnberg hinaus. (Friedrich J. Bröder)


Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Bayernstraße 110, 90478 Nürnberg. Mo. bis Fr. 9 – 18 Uhr; Sa./ So. 10 – 18 Uhr. www.museen.nuernberg.de/dokuzentrum. Bis 29. September.
Stadtbibliothek Nürnberg, Gewerbemuseumsplatz 4, 90403 Nürnberg. Mo. bis Fr. 11 – 19 Uhr, Sa. bis 16 Uhr. www.nuernberg.de/internet/stadtbibliothek. Bis 1. August.

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