Kultur

Das Schaulaufen auf dem Roten Teppich kann schnell zum Spießrutenlaufen ausarten. Politiker schützen sich gern mit Mainstream-Reden. (Foto: dpa)

13.06.2014

Strategie gegen Zombi-Informanten

Die 25. Bamberger Hegelwoche setzte sich mit lauter "Theaterwirklichkeiten" auseinander

Es ist ein langer Weg, den die Bamberger Hegelwoche seit ihrer Gründung im Jahr 1990 bis zur diesjährigen Jubiläumsausgabe zurückgelegt hat. Einst dem hochphilosophischen Diskurs verpflichtet, wandte sie sich zunehmend der praktischen Philosophie zu und war sich neuerdings auch nicht zu schade für Diskussionen über Gesellschaftspolitik und Alltagsbewältigung. Heuer lautete das Motto „Wie sich die Welt inszeniert“ und sah drei Abende unter den Titeln „Allerweltstheater“, „Staatstheater“ und „Medientheater“ vor.
Natürlich gab es auch ein „Eröffnungstheater“. Und das bot dem Präsidenten der Bamberger Otto-Friedrich-Universität und gleichzeitigem Präsidenten der Virtuellen Hochschule Bayern, Godehard Ruppert, die Gelegenheit, die Hegelwoche als einen Versuch darzustellen, die „geistige Situation der Zeit widerzuspiegeln“. Nach dem sich anschließenden Prolog mit den universitären Ausrichtern Christian Illies (Philosophie) und Friedhelm Marx (Germanistik) hielt John von Düffel, Schriftsteller und Dramaturg, eine brillante Brandrede gegen den „strukturellen Unernst“ der heutigen Zeit.
Erregungstheater, Infotainment und Digitalbespaßung hießen die Stichwörter, an Hand derer von Düffel einen bedenklichen „Infantilisierungsprozess mit dem Primat des Bildes“ beschrieb. Was im Theater der Antike noch für eine bürgerliche Öffentlichkeit stand, nämlich der Chor, sei heute zum medialen Mob verkommen, der nach den jeweils nächsten Erregungsangeboten lechze. Die Menschen seien zu „Wahrnehmungssolisten“ mutiert, die sich sinnlos durch die hochgradig medialisierte Welt zappten und abrufbares Wissen mit Erfahrung verwechselten. Das bloße Finden ersetze aber nicht die Erfahrung, die als analoger Prozess nicht stets verfügbar sei. Im Theater weise man dem Schauspieler keine Rolle mehr zu, sondern eine Aufgabe.

An Nichtigkeiten aufgeilen

Der Referent schloss mit dem Appell, sich auf die aristotelische Tugend der Erschütterung zum Zwecke der Katharsis zu besinnen.
Beim Thema „Staatstheater“ musste zwangsläufig die Politik auf das Podium – und in der Person Franz Münteferings war diese durch einen ausnahmsweise recht beliebten Parteisoldaten vertreten. Als Gesprächspartner für die Medienseite stand mit Nils Minkmar der Feuilletonchef der FAZ zur Verfügung. Aufgrund von dessen SPD-Affinität (er hat ein Buch über Peer Steinbrück geschrieben) geriet der Abend etwas zu brav und landete in den Niederungen sozialdemokratischer Anekdoten. Immerhin verdankt man Münteferings Geschichtenerzählerei, dass auch früher heftig inszeniert wurde – nur nicht so systematisch und allumfassend wie heute. Nils Minkmar führte denkwürdige Skandalisierungsbemühungen der Medien an, die in der Regel auf Nichtigkeiten oder arrangierten Missverständnissen beruhten.
Im „Medientheater“ des Abschlusskolloquiums ging es darum, wie wir uns in den Social Media zur Schau stellen. Die Journalistin Theresia Enzensberger, Tochter eines berühmten Vaters, warb für das Arbeitsprinzip der Plattform 4chan, das dem zunehmenden Verlangen nach Anonymität Rechnung trage: keine Registrierung, alle Daten werden gelöscht. Also genau das, was Google, Facebook & Co. für gefährlich und verlogen halten.

Tipp zum Überleben

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen aus Tübingen beschäftigte sich mit der Dynamik öffentlicher Empörungsprozesse und exemplifizierte das am Beispiel des Rücktritts von Horst Köhler. Die Gefahr, durch herumgeisternde „Zombie-Informanten“ und aufgrund von Halbwahrheiten an den Pranger gestellt zu werden, führe bei den Politikern zu einer gewissen Verzagtheit. Mit Mainstream-Reden als Vermeidungsstrategie werde das Skandalisierungsrisiko minimisiert.
Pörksens Schlussbemerkung kehrte zur Philosophie zurück – allerdings nicht zu Hegel, sondern zu Kant. Sein umformulierter Tipp zum Überleben in der medial inszenierten Welt: Handle stets so, dass dir die öffentliche Wirkung deines Handelns vertretbar erscheint. Ob’s hilft? (Martin Köhl)

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