Kultur

Markus Eiche als Golaud, Elliot Madore als Pelléas und ein Statist in der grauen Bürolobby. (Foto: Bayerische Staatsoper)

03.07.2015

Stühlerücken im Büro

Münchner Opernfestspiele: Debussys "Pelléas et Mélisande"

Die Pflege der französischen Oper ist in München durchaus eine gewichtige Tradition. Immerhin zählte das Nationaltheater 1908 zu den ersten Bühnen außerhalb Frankreichs, die die Oper Pelléas et Mélisande von Claude Debussy zeigte. Ein Buh-Orkan wie jetzt bei der Premiere im Rahmen der Münchner Opernfestspiele ist nicht überliefert. Der Buh-Hagel prasselte auf die Regisseurin Christiane Pohle nieder.
Ihre aseptisch-karge Sicht auf Debussys symbolistischen, impressionistischen Fünfakter war offenbar zu mühsam. Dabei hatte man schon weitaus fragwürdigere Inszenierungen an der Bayerischen Staatsoper gesehen. Statt eine typische Münchner Bebilderung samt Materialschlacht auf die Bühne zu hieven, wagt Pohle eine kompromisslose Reduktion. Das kann szenisch arg sperrig wirken, entwickelt aber trotzdem eine eigene Stringenz – zumindest in den ersten drei Akten.

In einer grauen Bürolobby


Pohle lässt den Stoff von Maurice Maeterlinck in einer grauen Bürolobby im Stile der 1950er Jahre spielen, die auch eine Hotelrezeption sein könnte. Vieles erinnert stark an Regisseure wie Anna Viebrock oder Christoph Marthaler. Andererseits inszeniert Pohle die Oper so kahl und doch zielgenau wie ein dänischer „Dogma“-Regiesseur. Oftmals wähnt man sich in Lars von Triers Dogville.
Dieser Streifen ist seinerseits von Ludwig Cremers großartiger Verfilmung von Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame von 1959 beeinflusst. In der rationalistischen Menschenkälte lässt Pohle die Figuren buchstäblich auf das Leben warten – ein starkes Bild. Es sind überwiegend unberührbare menschliche Karikaturen, weil sie keine Gefühle entwickeln können.

Verzicht auf Theatralik


Die einzig wahrhaftig Liebenden sind Mélisande (Elena Tsallagova) und Pelléas (Elliot Madore), der jüngere Stiefbruder von Golaud (Markus Eiche). Das warme, innig verliebte Lächeln dieses Paars lässt die Szenerie strahlen. Sonst aber wird ganz bewusst auf jede Theatralik verzichtet, womit sich die Eiseskälte umso zwingender überträgt. Bald schon ist die Eiseskälte tödlich, denn: Mélisande ist mit Golaud vermählt.
Doch was der kopflastige Golaud ihr nicht geben kann, sind Märchen und Träume. In der kalten Umgebung leidet Mélisande ähnlich wie Pelléas. In der Liebe zueinander finden sie ihre Heimat, bis Golaud seinen Stiefbruder umbringt – und damit auch Mélisande. Niemand kann das Drama aufhalten, auch nicht der gutmütige König Arkel (Alastair Miles) oder Geneviève (Okka von der Damerau) – Opa und Mutter der Brüder.
Es ist gerade Pohls Reduktion der Mittel, die dieses Drama wundersam still und fragil macht. Umso ärgerlicher ist der ironisch gebrochene Aktionismus in den letzten beiden Akten. Plötzlich werden Stühle hin- und hergerückt, ein Heer von Statisten kommt und geht. Das alles lenkt von der einnehmend konzentrierten Präsenz der finalen Sterbeszenen ab.
Im Kontrast zu Pohles Reduktion dirigierte Constantinos Carydis das Bayerische Staatsorchester ungewöhnlich zupackend, ohne jedoch den Klangzauber der Musik zu übertünchen. Besonders spannend war indes die Auswahl der Solisten. In den Timbres ihrer Stimmen waren die Charaktere geradezu hörbar. Ohne diese glänzende Besetzung wäre Pohles karge Personenführung ein Fiasko geworden. (Marco Frei)

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