Kultur

Berühmtestes Hauptwerk Runges ist Der große Morgen. (Foto: bpk/Elke Walford, Christoph Irrgang)

01.07.2011

Symbolistische Verkopftheit

Philipp Otto Runge in der Münchner Hypo-Kunsthalle

Die deutsche Romantik war eine genuin literarische Bewegung. In der Lyrik, im Roman, der Briefkultur und natürlich der Philosophie liegen (abgesehen von der Musik) ihre Hauptleistungen. In der Bildenden Kunst hingegen ragt allein die Ausnahmeerscheinung Caspar David Friedrich heraus: Er hat einen völlig neuen, bis heute unsere „Natur“-Wahrnehmung prägenden Blick auf die Welt eröffnet und in seinen ätherischen Lasuren-Palimpsesten ein zwingendes, spezifisch bildnerisches Äquivalent jener allhaft-durchdringenden Vergeistigung der Wirklichkeit geschaffen, die für die Epoche insgesamt kennzeichnend ist. Die übrigen Maler der Romantik bleiben hingegen im Wortsinne „literarisch“, also zu sehr der Botschaft, der Bedeutung verhaftet und damit ästhetisch unergiebig.
Als interessantester, schrillster Repräsentant dieses künstlerischen Scheiterns erscheint Philipp Otto Runge (1777 bis 1810). Das exzentrische Werk des jung an Tuberkulose gestorbenen Norddeutschen offenbart übertrieben deutlich jene Zerrissenheit zwischen bildhaftem Ausdrucksbemühen und begrifflichem Mitteilungsdrang, die Ursache dafür war, dass die meisten Künstler jener Zeit bestenfalls mittelmäßig blieben.
Mit Runges faszinierend bizarren Bilderfindungen hingegen ist diese Zerrissenheit ins Extrem hochgeschraubt, und genau darin liegt der leicht perverse, nicht so sehr künstlerische, sondern kulturgeschichtliche Reiz seiner Werke – deren große technische Perfektion sich schon in den klassizistischen Studien seiner Ausbildungszeit erkennen lässt.
In der ersten großen Runge-Retrospektive seit mehr als drei Jahrzehnten, die unter dem Titel Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik in der Münchner Hypo-Kunsthalle auf frühlingsgrünen Wänden gezeigt wird, ist das insbesondere am letzten, berühmtesten Hauptwerk Runges zu sehen: der Allegorie Der große Morgen – und an zahllosen Vorzeichnungen dafür, die fast mathematisch exakt die geometrische Komposition planen.
Das blütenzarte Filigran aus Rankenornamenten und Kinder-Engelchen, die symmetrisch nackte Frauen- oder Elfengestalten rahmen, erinnert nur sehr äußerlich an das sinnenfrohe, lebenspralle Puttengeschnörkel des Rokoko. Tatsächlich waltet bei Runge nämlich eine symbolistische Verkopftheit, die eher das Fin de Siècle vorausdeutet – ebenso wie die ganz unmalerische Betonung der vegetabil-fließenden Linie schon an den Jugendstil gemahnt.
Wie in der Neuromantik um 1900 steckt auch hinter Runges manischem Arabeskengepuzzle, hinter seinem Hang zum mikrokosmisch-allegorischen Blüten- und Blättchengeschnörkel eine quasireligiöse Ganzheitssehnsucht, die bei ihm aber noch nicht in tönendes Pathos mündet, sondern in eine obsessive Puppenstubigkeit, die gleichwohl abgründiger, echter wirkt als 100 Jahre später das kostümfesthafte, unfreiwillig komische Kosmikertum des George-Kreises oder das latent autoritäre Geschwurbel der Anthroposophie.
Dass Runge trotz seiner eher anämischen Denkbild-Basteleien ein beachtliches malerisches Talent besaß, zeigen seine ganz anders gearteten, kraftvoll zupackenden Porträts und Selbstporträts. Die offensive, fast zu intim anmutende Komposition der Bilder, die realistisch-vitale Peinture speziell des Inkarnats erzeugt hier eine faszinierende psychologische Nuancierung. Wirklich groß war Runge allerdings nur im Kleinen: Seine hinreißend fragilen Scherenschnitte und einige Pflanzenstudien zeigen jene anrührende Innigkeit, die im geschwätzigen Mystizismus vieler seiner Werke bloße Behauptung bleibt.
(Alexander Altmann)

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