Kultur

Sprachexperimente im Ballettröckchen bringt das Puppentheater Halle auf die Bühne. (Foto: Figurentheaterfestival)

15.05.2015

Magie der Maschine

Das 19. Internationale Figurentheaterfestival zeigt technoid-digitale Experimente neben traditionellem Marionettenzauber

In seinem Aufsatz Über das Marionettentheater beschwor der Dichter Heinrich von Kleist im Jahr 1810 die natürliche Eleganz der mechanischen Gliederpuppe, die – wiewohl von Menschenhand zum Leben erweckt – mit ihrer Anmut und Grazie den kopfgesteuerten Menschen doch weit übertreffe. Heute, über 200 Jahre danach, fühlt man sich beim 19. Internationalen Figurentheaterfestival im Städtedreieck Erlangen, Nürnberg und Fürth daran erinnert, wenn ein riesiger, computergesteuerter Roboter auf der Bühne des barocken Markgrafentheaters mit seinen bizarren Verrenkungen, Drehungen und Verwindungen der Harmonie der Marionette gleichkommt.
Das moderne Figurentheater, das Spiel von Figuren und Puppen, der Tanz von Objekten und elektronischen Bildern, ist im digitalen Zeitalter angekommen.

Waghalsiges Bewegungsabenteuer

67 Companien aus 19 Ländern (von Australien, Südkorea und Hongkong bis Russland, Estland und Israel und aus ganz Europa) sind zu diesem Festival angereist, um in 155 Aufführrungen an 24 Spielstätten über 20 000 Besucher, Erwachsene wie Kinder, mit ihren theatralen und circensischen Darbietungen zu begeistern.
Der Magie der Maschine konnten sich die Zuschauer zum Auftakt des Figurentheaterfestivals, das nicht nur in Europa zu den größten seiner Art zählt, nicht entziehen: Die „Compagnie 111“ aus Frankreich verzauberte ein hingerissenes Publikum mit ihrem Programm Sans Objet, bei dem zwei Artisten auf einem Roboter und seinen Greifarmen und Hebebühnen herumturnen oder von der Maschine zu immer neuen, waghalsigeren Bewegungsabenteuern, mal kopfüber, mal wie beim Extremklettern in alpin-überhängender Schieflage, gezwungen werden: eine grandiose Hommage auch an Charlie Chaplins Film Moderne Zeiten.
In einen psychedelischen Farbenrausch versetzte die französische Choreografin Gisèle Vienne ihr Publikum mit ihrer elektronisch gesteuerten Licht-Ton-Performance Der Scheiterhaufen, auf dem sie eine Tänzerin im hautengen Glitzerkostüm die erotisch-frivolen und sexuellen Exzesse einer modernen Hexe vorführen lässt. Schlangenartig windet sich diese in den virtuellen Lichträumen einer dem irdischen Diesseits enthobenen Welt, gerinnt zu bizarren Skulpturen oder verschwindet in kosmisch anmutenden Fernen eines Science-Fiction-Films.
In ebenso unwirklichen wie unwirtlichen, kafkaesk-klaustrophobischen Räumen bewegt sich auch das Geräuschtheater des deutschen „O-Teams“, das Martin Heideggers dunkel raunende Sprache der hermeneutischen Phänomenologie in seinem Hauptwerk Sein und Zeit in ein fundamentalontologisches Chaos verwandelt, in dem aus der Waschmaschine die Stimme Heideggers im Original ertönt: In schöneren, freilich auch verwirrenden und irritierenden Bilder könnte man den „Jargon der Eigentlichkeit“, wie Theodor W. Adorno Heideggers existentialphilosophische Sprechblasen apostrophierte, nicht visualisieren.
Sprachexperimentell, jedoch im schönsten Oxford-English, kam auch das Puppentheater Halle daher, das im balletesken Tutu Shakespaere’s Sonnets elegisch deklamierte, freilich so hinreißend komisch, dass Shakespeares Geschichten in Gedichten über Liebe, Sex und Leidenschaften zu einem herrlichen Abgesang auf die abendländische Lyrik werden.

Aufstieg und Fall der Stars

Es war dem klassischen Puppenspieler Neville Tranter, einem der größten seiner Zunft, vorbehalten, nach so vielen technoid-digitalen Experimenten das alte Handpuppenspiel wieder auf die Bühne zu bringen. Mit einfachsten Mitteln und fast ohne Requisiten entführte er mit seiner Stimme und seinen Handpuppen in ihren herrlichen Kostümen, die an die seligen Zeiten des Kasperl-Theaters anknüpfen, seine gebannten Zuschauer in die melodramatische Welt der großen Stars: In The King zeigt er die Kehrseite der Scheinwelt von Glanz und Glamour, von Sex and Drugs and Rock’n Roll – und damit den Aufstieg und Fall von Stars wie Elvis Presley oder Michael Jackson, anrührend und kitschig zugleich in ihrer Tragik. (Fridrich J. Bröder)

Das Internationale Figurentheaterfestival geht noch bis Sonntag, 17. Mai.www.figurentheaterfestival.de

Abbildungen (Fotos: Figurentheaterfestival)
Ein Bewegungsabenteuer mit einem Roboter liefert die Compagnie 111 mit ihrem Programm "Sans Objet".

Neville Tranter lässt seine traditionellen Handpuppen von der Kehrseite der Glamourwelt erzählen.  

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