Kultur

Dieter Dorn kam 1976 an die Münchner Kammerspiele, wo er 1983 die Intendanz übernahm. 2001 wechselte er als Intendant ans Bayerische Staatsschauspiel. (Foto: Dashuber)

08.07.2011

Theater der Überzeitlichkeit

Dieter Dorn zum Abschied

Dem Mimen flicht die Nachwelt bekanntlich keine Kränze – und allen anderen Theaterschaffenden auch nicht. Denn wenngleich diese Einsicht in die Flüchtigkeit der Bühnenkunst aus einer Zeit stammen mag, da Film und Video noch nicht erfunden waren, so gilt sie bezeichnenderweise immer noch: Während Gedichte und Gemälde ebenso die Jahrtausende überdauern wie Dramentexte, ist deren Realisierung auf der Bühne immer nur für den Augenblick gemacht; nicht einmal für eine Epoche, sondern für (was auch heißen kann: gegen) eine kurze Gegenwarts-Spanne mit all ihren spezifischen ephemeren Stimmungen, Affekten, Themen, Tonlagen.
Darum sehen Film-Aufzeichnungen von 20 Jahre alten Inszenierungen oft ziemlich verstaubt aus, während ein 2000 Jahre alter Text von Horaz uns unmittelbar etwas angeht. Das Theater ist nun einmal ebenso dem Wechselspiel der Moden unterworfen wie die Bekleidungsindustrie oder der Wissenschaftsbetrieb – aber seine flinke „Aktualität“ ist gerade auch die Stärke des Theaters. Gründgens hat mit gutem Grund alles anders gemacht als Iffland – und Kriegenburg macht mit gutem Grund alles anders als Gründgens – bis wieder einer kommen wird, der mit gutem Grund alles anders macht als Kriegenburg.
Wenn es einen Theatermacher von Weltrang gibt, der sich mit aller Kraft (wenn auch vielleicht unbewusst) gegen diese naturgegebene Vergänglichkeit seiner Kunst gestemmt hat, dann ist es Dieter Dorn, der langjährige Intendant der Münchner Kammerspiele (der nebenbei Opern in New York, Bayreuth oder Wien inszenierte) und – seit 2001 – des Bayerischen Staatsschauspiels, wo an diesem Sonntag (10. Juli) seine letzte Münchner Spielzeit zu Ende geht – und damit eine ganze Ära.

Text im Mittelpunkt

Dorn hat in seiner Theater-Regie wie kein zweiter Zeitgenosse den Text in den Mittelpunkt gestellt. Wenn er Goethe oder Shakespeare in teils legendären Aufführungen ungekürzt auf die Bühne brachte, war das vielleicht weniger eine Philologisierung des Theaters, wie ihm gelegentlich vorgeworfen wurde, sondern vielmehr der Versuch, die unvergängliche Gültigkeit der Texte in die Bühnenkunst zu transplantieren. So als müsste auch für Theateraufführungen gelten dürfen, was Kleists Prinz von Homburg sagt: „Jetzt, oh Unsterblichkeit, bist du ganz mein.“
Insofern wäre es ein (wenngleich weit verbreitetes) Missverständnis, zu glauben, Dorn habe nur die Sprachkunstwerke – die ja in unverhunzbarer Größe ohnehin auf ewig im Buche stehen – vor ihrer Verhunzung retten wollen. Nein, dieser Regisseur zielte von vornherein auf ein Paradox: auf ein Theater der Überzeitlichkeit.
Insofern erweist sich Dorns Schaffen insgesamt selbst als ein Drama von fast antiker Dimension: als der verzweifelte, aber letztlich aussichtslose Kampf gegen die schicksalhafte Flüchtigkeit des Theatralen.

Bildverliebt

Die eigenwillige Größe des Theatermachers Dieter Dorn wird also erst in der Rückschau ganz deutlich. Erst wenn man nicht nur auf die einzelnen Inszenierungen blickt (von denen manche hinreißend waren, manche aber eben trotz oder wegen allen Bemühens sehr vergänglich), sondern auf das Lebenswerk, auf diese Gesamtinszenierung eines Theaterbegriffs, der – bei aller bekennenden Liebe Dorns zum Boulevard – tragisch bleiben muss. Weil er letztlich auf die Aufhebung des Theaters als Theater hinausliefe.
Eine untergründig asketische Tendenz, die auch in der Bühnen-Ästhetik von Dorns Ausstatter Jürgen Rose deutlich sichtbar wird: im Kult der kahlen Brandmauer, der erlesenen Grau-Valeurs, der dezent historisierenden Edel-Patina, die allesamt für jene Optik des bildverliebten Ikonoklasmus stehen, der den Dorn-Stil kennzeichnet.
Dorns Leistung als Intendant, über Jahrzehnte hinweg ein Schauspieler-Ensemble um sich zu gruppieren, das von Thomas Holtzmann bis Sunnyi Melles (um die beiden profiliertesten Extreme zu nennen) wahrscheinlich lange Zeit das beste im gesamten deutschen Sprachraum war, wird so recht erst verständlich vor dem Hintergrund seines Theaterverständnisses. Wer aufs Überdauernde aus ist, braucht darstellerisch die Kontinuität eines „Pools“ von Spitzenschauspielern, die organisch und gelenkig miteinander interagieren. Gerade auch in dieser Hinsicht ist die Behauptung zutreffend, Dorn habe das Münchner Theaterleben der letzten 35 Jahre entscheidend geprägt.
In Bezug auf den Regisseur Dorn ist diese Behauptung genauso richtig, gleichwohl sollte man vorsichtig mit ihr umgehen. Denn sie birgt die Gefahr, seinen internationalen Rang ins Lokale zu verkleinern, zu übersehen, dass die Kammerspiele unter Dorn viele Jahre lang nicht bloß die führende Bühne der Stadt, sondern eines der Maßstäbe setzenden Theater weltweit waren.
Es entbehrt darum auch nicht einer gewissen Tragikomik, scheint aber gleichwohl logisch, dass von Dieter Dorns Inszenierungen das im Gedächtnis bleiben wird, wo Leichtigkeit, Ironie und der augenzwinkernde Flirt mit dem Zeitgeist heiter-melancholische, amüsante und zart anrührende Theaterereignisse zeugten: seine unübertroffenen Aufführungen von Botho Strauß’ Kalldewey, Farce (1983 im Werkraum) und Schlusschor von 1991 an den Kammerspielen etwa, vielleicht auch seine Abschieds-Arbeit am Residenztheater, Kleists Käthchen von Heilbronn.

Theater für den Moment

In diesen großen, aber wunderbar flirrenden Aufführungen hat sich Dorns Genie in seiner ganzen farbglänzenden Fülle entfaltet. Weil er es hier wagte, allen statuarischen Klassizismus, der von seiner eigenen Bedeutungslast erdrückt wird, über Bord zu werfen und Theater für den Moment zu machen, für den flüchtigen Augenblick der Geschichte – der sich nachträglich oft als bleibender erweist denn so manches gravitätische Ewigkeitsgetöse.
Richtig vorstellen kann man es sich allerdings immer noch nicht, dass dieser leicht ätherische Prospero mit der Löwenmähne jetzt nach dem Ende seiner Intendanz am Staatsschauspiel das Münchner Theaterleben nicht mehr mitdirigieren wird. Denn eigentlich war Dieter Dorn immer schon da, seit man zurückdenken kann (und die Behauptung würdiger Greise, es habe Zeiten gegeben, da er noch nicht da gewesen sei, ist schwer zu überprüfen).
Zum Trost für hartgesottene Dorn-Fans ist jetzt der prachtvoll gestaltete Text-Bildband Sinnliche Aufklärung erschienen (Hirmer Verlag, 280 Seiten, 19,80 Euro), der das Wirken des Regisseurs und Intendanten am Staatsschauspiel dokumentiert.
Die Gefahr, dass dem vitalen 75-Jährigen nach dem Ende seiner „Amts“-Zeit langweilig wird, besteht übrigens nicht: Für die Jahre 2012 bis 2014 inszeniert er in Genf den wohl größten Bühnen-Brocken überhaupt: Wagners Ring des Nibelungen. Trotzdem hat Dieter Dorn sicherheitshalber vorgesorgt, wenn er wirklich mal in Ruhestand gehen sollte: Schon vor Jahren kaufte der Griechenland-Liebhaber ein Haus auf Kreta, wo er den „Lebensabend“ verbringen will. Aber der liegt wohl in weiter Ferne.
(Alexander Altmann)

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