Kultur

Trashig, wie es das Kult-Musical erfordert: Frank Piotraschke als Frank ’N’ in der "Rocky Horror Show". (Foto: Draminski)

29.07.2011

Theater muss wie Fußball sein

Das Landestheater Dinkelsbühl lässt es krachen

Im Sommer arbeiten die Dinkelsbühler Theatermacher für die Winterspielzeit vor. Das Landestheater Dinkelsbühl Franken-Schwaben fährt nicht durch die Lande, sondern bleibt daheim. Und spielt und spielt und spielt. Mindestens zwei Abendproduktionen und eine für Kinder. Dieses Jahr probiert Intendant Peter Cahn einen Spagat, wie er ihn bislang noch nicht gewagt hat. Das Wirtshaus im Spessart wechselt derzeit wochenweise mit der Rocky Horror Show. Und vormittags hat für Kinder noch Jürg Schlachters quicke Inszenierung von Jim Knopf und die Wilde 13 Platz.
Die Freilichtsaison ist ein wichtiger Finanzposten für Deutschlands kleinstes Landestheater: Ein Drittel seines Ein-Millionen-Etats erwirtschaftet es im Sommer. Das kommt nicht von ungefähr. Peter Cahn weiß, was sein Publikum mag: „Volkstheater mit Anspruch“ ist eines seiner beiden Mottos. Das andere: „Theater muss wie Fußball sein.“
An die 30 000 Zuschauer zählt er in der Freilichtsaison; weit über 20 000 im Herbst und Winter. Das war nicht immer so. Mit Cahn, der vor zehn Jahren die Intendanz übernahm, schnellten die Zuschauerzahlen in die Höhe. Als er die Stadtspitze hinter sich hatte, bekam das Theater, was ihm ein halbes Jahrhundert fehlte: professionelle Spielstätten. Erst eine neue, feste Freilichtbühne in einem Garten an der Stadtmauer, dann ein eigenes Domizil in einem historischen Gebäude, der ehemaligen Spitalscheune, mitten in der malerischen Altstadt.
In dieser Sommersaison schultert das Landestheater zwei ordentliche Brummer für zwei ziemlich verschiedene Temperamente: eine Nachkriegs-Kinokomödie und ein abgedrehtes Siebziger-Jahre-Musical. Beim Spessart-Wirtshaus versucht Cahn den angegrauten Humor der späten Fünfziger gegenwartstauglich aufzufrischen. Frank Piotraschke, als Schauspieler, Regisseur und Autor eine Stütze des Landestheaters, hat darum eine Neufassung geschrieben und die Songs obendrein. Er schärft die Dialoge und peppt das harmlose Verkleidungsverwirrspiel ein wenig auf: Die entführte Baroness sorgt für ein Gefühlsdurcheinander beim feschen Räuberhauptmann (Bernd Berleb). Der fürchtet, sich in seinen vermeintlichen Burschen (toughe höhere Tochter: Maria Kempken) verliebt zu haben. Für komödiantische Kabinettstückchen sorgt ein Musikanten-Duo (Andreas Peteratzinger und Andreas Harwath, der Musik-Leiter des Landestheaters). Kurzum: Volkstheater mit Schmunzel-Anspruch. Das Verblüffende daran: in der Kernaussage gar nicht so weit weg von der Rocky Horror Show.
Für Richard O’Briens Kult-Musical dreht das kleine Landestheater mächtig auf. Schräg, schrill, glamourös, frivol und trashig ist Cahns Inszenierung – wie es sich gehört. Frank Piotraschke stöckelt als Frank ‘N’ verführerisch und gefährlich die Treppe herab. Maria Kempken und Andreas Peteratzinger karikieren Janet und Brad hübsch eckig und kreuzbieder, rollen im roten R 4 auf die Bühne, entdecken ihre geheimen Sehnsüchte. Und vor allem haben sie starke Stimmen. Die tadellose Sechs-Mann-Band, die oben im Wehrgang sitzt, lässt es krachen. Das Ensemble schleudert die Ohrwurm-Songs mit Schmackes ins Publikum. Das wirft Reis, spritzt mit Wasserpistolen, klatscht mit und steht am Ende Kopf. Eine Mordsmitmachgaudi. (Thomas Wirth)

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