Kultur

Ist das Ungeheuer auch noch so Hightech: Die Akteure beim Further Drachenstich bleiben bei der historischen Kostümierung. Foto: ddp

18.06.2010

Theatralischer Urtrieb der Bayern

Und wieder beginnt eine Saison mit zahlreichen Freilichttheaterstücken

Nur mehr wenige Wochen, dann steht er wieder vorm Tor – Trenck, der Pandur natürlich. Im oberpfälzischen Waldmünchen weiß das jedes Kind. Weil man sich auf dessen Kommen jeden Sommer verlassen kann, denn schon seit 60 Jahren wird das Freilichttheaterstück Trenck der Pandur vor Waldmünchen vor einem Teil der erhaltenen historischen Stadtmauer aufgeführt. Wild entschlossen ist der Wüterich, den Ort zu brandschatzen. Man befindet sich schließlich im Spanischen Erbfolgekrieg. Mit 50 „Species-Dukaten“ kauft sich Waldmünchen frei. Ganz genau wissen wir jetzt auch nicht zu sagen, was ein Dukat an heutigem Gegenwert hätte, aber es wird schon ein ganz netter Rettungsschirm gewesen sein, den man da 1742 aufspannte. Als Entschädigung dafür hat man diesen willkommenen Anlass für ein Freilichtspektakel mit Lagerfeuern, laut knallenden Kanonen und aufgaloppierenden Pandurenreitern. Das hat immerhin schon eine halbe Million Zuschauer in den vergangenen 60 Jahren angezogen. Andere bayerische Städte haben Ähnliches aufzuweisen. In Rothenburg ob der Tauber spielt man seit 1881 eine Episode aus dem Dreißigjährigen Krieg, den so genannten Meistertrunk. In Giebelstadt (Landkreis Würzburg) werden die Bauernkriege wieder lebendig mit einem ihrer Anführer, Florian Geyer. Uneinholbar vorne mit seinem Rückbezug auf ganz frühe Zeiten liegt allerdings Furth im Wald. Der dortige Drachenstich soll einst Bestandteil der Fronleichnamsprozession gewesen sein, die früheste Quelle, die das berichtet, stammt von 1592. Seitdem kämpft Ritter Udo gegen den bösen Drachen. Dieses Jahr wird er übrigens am 31. Juli in völlig neuem Kleide auftreten, der Drache wohlgemerkt, und zwar als ein High-Tech-Geschöpf der unglaublichsten und höchst computerisierten Art, das jedes seiner Glieder lebensecht bewegen kann – nix mehr fahrbarer, bulldog-ähnlicher Unterbau wie früher! Das nenn ich mal wirklich ein Beispiel für den schon arg ausgeleierten Slogan „Lederhose und Laptop“. Oder sollte es hier besser heißen: Ritterrüstung und Pentiumprozessor? Es gibt Stimmen, die behaupten, diese ganzen Freilichtfestspiele bayernland-auf, bayernland-ab seien längst zu einem nicht zu unterschätzenden Tourismusfaktor und fallweise zu reinem Kommerz ausgeartet. Das mag derjenige gar nicht recht unterschreiben, der einmal dabei war und gesehen hat, unter welchem Einsatz von Zeit, Energie, Nerven und auch Geld diese meist aus Amateurschauspielern bestehenden Theatergruppen ihre mehr oder weniger gelungenen Bühnenkunststücke zur Aufführung bringen. Bei soviel ehrlicher Aufopferung stimmt man schon eher Hugo von Hofmannsthals Meinung zu, der mit seinem x-fach nachgespielten Jedermann so etwas wie der Ur-Ahn aller Freilichttheaterkultur ist. Der nämlich schrieb, in all diesen Festspielen breche sich ein „Urtrieb“ des bairischen Stammes Bahn. Eine Ansicht, die übrigens auch Michael Lerchenberg, Intendant der im großartigen Felsenlabyrinth bei Wunsiedel stattfindenden Luisenburg-Festspiele vertritt. Der Bayer sei halt ein „homo ludens“, den selbst Verbote der Kirche und der Obrigkeit nicht am Theaterspielen hindern könnten. Ihm, dem geschassten Nockherberg-Bruder Barnabas, nimmt man das irgendwie sofort ab. Einen Wunsch allerdings hätten wir: Lasst euren theatralischen Urtrieb ab und zu auch auf andere Stoffe und Stücke los! Es muss nicht immer das Mittelalterspektakel mit Gauklern und Spielleuten sein. Bitte nicht immer „dasselbe Stück unter nur wechselnden Titeln“, wie der Laienspielfachberater für Niederbayern und Oberbayern, Peter Glotz, es ausdrückt. Nehmt Euch ein Beispiel am Theaterverein Trauterfing (Vilsbiburg, Landkreis Landshut), der vor Jahren Martin Sperrs Jagdszenen aus Niederbayern vor der Kulisse eines Einödhofes gespielt hat – ein Stück über Homosexualität auf dem Lande. Oder an Christian Laubert, Autor, Intendant und Regisseur des sehr innovativen Freilandtheaters Bad Windsheim. Der brachte vor einiger Zeit eine Terroristenkomödie aus dem Franken der 1970er Jahre im fränkischen Freilichtmuseum zur Aufführung, mit vorbeirasenden Terroristenlimousinen statt Ochsenfuhrwerken. Niemals könne das funktionieren, warnte man ihn: viel zu problematisch, zeitlich noch viel zu nah dran. Und dann wurde es ein Riesen-Erfolg.

(Bernhard Setzwein)

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