Kultur

Anno Mungen mit einer der vielsagenden Quellen, die sein Team an der Bayreuther Uni genau unter die Lupe nimmt. (Foto: dpa)

22.05.2015

Tiefenbohrung im Theater

Ein Bayreuther Forschungsprojekt analysiert die Geschichte des Nürnberger Opernhauses zwischen 1920 und 1950

So hatte man das bisher noch nicht gesehen: das alte Butzenscheiben-Nürnberg als Kulissen-Vorbild für Die Meistersinger – aber auch die Meistersinger-Kulissen als Vorbild für das Nürnberg der späten Dreißigerjahre. Anno Mungen, Professor für „Theaterwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Musiktheaters“ an der Universität Bayreuth jedenfalls sieht das so: Mittelalter und Reichsparteitage vor und auf der Bühne des Nürnberger Opernhauses. Dessen Geschichte von 1920 bis 1950 untersuchen er und sein Team derzeit in einem groß angelegten Projekt: eine „Tiefenbohrung“, nennt Mungen das.
Und die beschränkt sich nicht nur auf schweren Wagner, sondern will auch die leichte Operette im Spielplan des Opernhauses und im Geschmack des Publikums untersuchen. Dabei ist die Zeitspanne vor und nach dem Dritten Reich bewusst gewählt: Mungen sieht schon jetzt eine Menge von Kontinuitäten aus den Zwanziger- in den Dreißigerjahren und dann wieder in die Besatzungszonen und die junge Bundesrepublik hinein.
Dabei will er nicht nur erforschen, wie die NS-Propagandainstrumente in und außerhalb des Theaters eingesetzt wurden, sondern auch, wie es der „Opferseite“ ergangen ist. Dabei kommt ihm sein besonderer Bayreuther Lehrstuhl zugute: Dessen Auftrag geht über die reine Musikwissenschaft hinaus und versucht, die Theaterwirklichkeit einzubinden.

Suche nach Radiosendungen

Begonnen hat die Arbeit 2014 mit der Befragung von Zeitzeugen: „Da kriegt man ein anderes Bild von der Sache als nur aus Dokumenten.“ Methoden der „oral history“, das Nürnberger Stadtarchiv mit Theaterzetteln und Kritiken, Bildmaterial von Inszenierungen, Noten im Opernhaus und Bühnenbildentwürfe sind die wichtigsten Quellen für die bis 2019 angelegten Forschungen: „Es gibt sogar noch Kostüme aus der Zeit, die sicherlich nach dem Krieg weiterverwendet wurden.“ Auf der Suche sind die Forscher im Moment nach Radio-Mitschnitten von Opernhaus-Aufführungen.
Die wichtigsten Erkenntnisse erhofft man sich von den Meistersinger-Aufführungen, die schier zu allen Nazi-Jahres- oder Gedenktagen gegeben wurden. Davon weiß man, dass viele nur halbvoll waren – außer, der „Führer“ war im Haus. 1935 hatte er den Umbau des Nürnberger Opernhauses veranlasst. Im Inneren wurde das Jugendstildekor entfernt und durch strengen Neoklassizismus ersetzt. Zur Wiedereröffnung gab es (natürlich) Die Meistersinger im Bühnenbild von Benno von Arent, dem Chefdesigner auch der Reichsparteitage oder der Nazi-Orden.
Die letzte Aufführung im Nürnberger Opernhaus war bezeichnenderweise Wagners Götterdämmerung.
Vorher aber gab es viele Operetten als Durchhalteparole: „Die Operette ist deshalb besonders interessant, weil wir die These haben, dass sich die Art, Operette zu singen, in diesen Jahren stark verändert hat: eher mit Kabarettstimme in der Weimarer Zeit, dann mehr wie im Opernfach. Und die gesellschaftskritische Seite der Operette wurde offenbar stark geglättet. Ihr frecher Ton schien nicht mehr tragbar.“
Die Nürnberger Oper hatte sich in den Weimarer Jahren ohnehin nicht durch einen besonders progressiven Spielplan hervorgetan: Jonny spielt auf von Ernst Krenek (1927/28) war eines der wenigen Beispiele für neue Oper in Nürnberg.
Die Mythenbildung, dass das Publikum sich nach 1945 auf das viele, das man in den Nazi-Jahren versäumte, geradezu gestürzt hätte, kann Mungen nicht nachvollziehen. Es hat lange gedauert, bis Schönberg, Krenek, Korngold in nennenswertem Umfang gespielt wurden: „Deshalb ist es richtig, bei unserem Projekt nicht mit 1945 aufzuhören.“

Teures Opernideal

Die Nazis haben sich (nicht nur in Nürnberg) ihr Opernideal einiges kosten lassen: „Im ganzen Reich gab es höhere Subventionen“, sagt Mungen, „Galaaufführungen wie die Meistersinger in Nürnberg unter Wilhelm Furtwängler als Dirigent, mit Jaro Prohaska als Sachs, wurden besonders bezuschusst. Auch weil man sich von solchen Aufführungen eine neue Identitätsstiftung versprach.“ Dazu reichten, so Mungen, aber die zwölf Jahre Drittes Reich nicht aus: „Was als nationalsozialistische Musik verkauft wurde, ist nicht angekommen. Aber man war ja auch erst am Anfang.“
Mit Hilfe einer Anschubfinanzierung des Staatstheaters Nürnberg, mit Bayreuther Institutsmitteln und mit einem erhofften Zuschuss von der Deutschen Forschungsgemeinschaft glaubt Anno Mungen, die gesteckten Etappenziele zu erreichen:
2016 eine Veranstaltung zur Operette in der NS-Zeit, 2017 eine internationale und interdisziplinäre Konferenz, 2018/19 eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und die Dokumentation der Ergebnisse in einem großen Katalog dazu. Die müssen dann ein ganzes Stück über die des Bandes 1905 – 2005: Vom neuen Stadttheater am Ring zum Staatstheater hinausgehen und müssen sich vergleichen lassen mit einem Forschungsprojekt der Ludwigs Maximilian Universität München über die Bayerische Staatsoper 1933 – 1963, das derzeit abschnittsweise im Magazin der Staatsoper Max Joseph veröffentlicht wird. Im Mittelpunkt des letzten Hefts: „Lohengrin als Propagandastück“. (Uwe Mitsching)

Abbildung:
Das Hakenkreuz durfte auch an der Nürnberger Oper nicht fehlen. (Foto: Archiv)

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