Kultur

Karl May als sein Alter Ego Kara Ben Nemsi mit seinem Wunderpferd Rih. (Foto Knauf-Museum)

16.12.2011

Traumwelten eines frühen Bestseller-Autors

Das Knauf-Museum Iphofen zeigt seltene Illustrationen zu Werken des Schriftstellers Karl May

Geschätzte 100 Millionen Bücher wurden von Karl May, dem meistgelesenen Autor deutscher Sprache, verkauft – ein erster Bestseller-Autor lange vor Konsalik, Simmel & Co. Nächstes Jahr ist Karl-May-Jahr; denn da jährt sich sein Todestag zum 100. Mal. Die fantastischen Abenteuer des sächsischen Erfolgsautors, vorwiegend im Wilden Westen Nordamerikas oder im Vorderen Orient angesiedelt, haben auch heute noch Leser – allerdings meist älteren Semesters, während sie früher vorrangig von Jugendlichen nahezu verschlungen wurden. Die 92 Bände des Gesamtwerks wurden immer begleitet von Bildern. Einen Überblick über die Illustrationen der Karl-May-Erzählungen bietet nun das Iphöfer Knauf-Museum mit „Karl Mays Traumwelten“.
Eine „klassische“ Karl-May-Ausgabe aus dem Bamberger Karl-May-Verlag lebt heute noch immer von derselben Aufmachung: grüner Einband mit Gold-Prägung und einem bunten Titelbild. Ansonsten wurden die Bücher kaum illustriert. Erstaunlich, regt doch gerade der unmittelbare Erzählstil Karl Mays in Ich-Form mit den vielen prägnanten Schilderungen und der spannenden Dramatik dazu an, Bilder im Kopf zu entwerfen.
Dieser Effekt bewirkte aber, dass sich immer wieder Zeichner und Grafiker daran machten, besonders eindrückliche Szenen oder wichtige Gestalten aus Karl Mays Werk zu illustrieren. Vor allem traf dies auf die Reiseerzählungen zu. Sie enthielten neben dem farbigen Frontispiz früher einige Bild-Tafeln in schwarz-weißem Rasterdruck und Strichätzungen. Daneben existieren auch Skizzen der von den Verlagen engagierten Illustratoren. Sie sind Indikatoren des jeweiligen Zeitgeschmacks, zeugen aber auch von der unterschiedlichen Perspektive auf den Erzählstoff. Sie belegen, dass zu Karl Mays Erzählungen ans Fotografische angenäherte Darstellungen passen.
Die Iphöfer Ausstellung aber zeigt neben dem vielgestaltigen bildlichen Streifzug durch Karl Mays Traumwelt von etwa 1880 bis heute auch „Reales“, etwa persönliche Gegenstände des Autors aus dem Bestand des Radebeuler Karl-May-Museums wie Briefe oder sein Schreibwerkzeug; es gibt aber auch legendäre, natürlich nachgebaute Gewehre zu bestaunen wie den „Bärentöter“ oder die „Silberbüchse“, eine Winnetou-Büste oder indianische Bekleidung.


Karl May, dessen Leben in einem Film nachgezeichnet ist, entwarf selbst sehr detailverliebt eine bildkräftige Welt, die er jedoch zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nie gesehen hatte; sie regte die Fantasie ganzer Generationen von Lesern an. Diese Traumwelt wirkte so suggestiv, dass sie glaubhaft erschien. Karl May bediente sich für die Erfindung seiner Szenen und Gestalten der Hilfe von Nachschlagewerken und Lexika; erst spät, lange nach dem Erscheinen der Bücher, konnte er selbst die geschilderten Länder bereisen. Genial entwarf der Autor aus den Unterlagen Schauplätze und Bezeichnungen. Seine Illustratoren wiederum ließen sich davon inspirieren zu Zeichnungen und Grafiken, die Dramatik und fotografische Überzeugungskraft besaßen. Manchmal auch wurde die Romanhandlung symbolisch überhöht, erhielt dadurch einen düster-geheimnisvollen Einschlag. Die meisten der Illustrationen reichen von realistischen Bildern bis zu comic-haften und karikierenden Darstellungen. Die ältesten Illustrationen stammen von Konrad Weigand, sind vielgestaltig, irgendwie idyllisch-exotisch; deutlicher auf Personen konzentriert ist Ewald Thiel beim Schatz im Silbersee. Oskar Herfurth betonte das Humorvolle bei der Titelseite zu Der blaurothe Methusalem.
Heute ist weitgehend vergessen, dass die bekannten Jugenderzählungen wie Der Ölprinz oder Die Sklavenkarawane zuerst in Zeitschriften und erst später in bestens bebilderten, aber nicht ganz billigen Buchausgaben erschienen, illustriert etwa fast fotografisch von Gustav Adolf Closs. Später gab es dann Ausgaben mit großformatigen Bildtafeln von Claus Bergen (etwa Durchs wilde Kurdistan), von Willy Moralt, Willy Planck oder Peter Schnorr.
Da Karl May selbst vom Image des Jugendschriftstellers wegkommen wollte, gab er seinem Dresdner Künstlerfreund Sascha Schneider den Auftrag, 33 seiner Bücher mit Bildern auszustatten. Die wirken auf uns heute etwas merkwürdig, etwa wenn ein nackter Mann durch einen Dornenvorhang ins „wilde Kurdistan“ eindringt oder ein Engel mit verbundenen Augen den Titel zu Old Surehand ziert.
Viele der bebilderten Szenerien sind ehemaligen Karl-May-Lesern, die nur den Indianerhäuptling Winnetou oder Old Shatterhand im Wilden Westen kannten, weniger bekannt, etwa dass Winnetou nach Dresden zu seinem Freund und Blutsbruder „Scharlih“ reist und dass es davon eine Weihnachts-Darstellung gibt. Klaus Lehmann zeigt Indianer um einen Christbaum im Schnee.
Neben Dramatik gibt es auch skurrile Seiten bei Peter Schnorrs Bildern zu In den Schluchten des Balkan. Bewunderung fürs Exotische schwingt mit bei Willy Moralts Szene aus Am Stillen Ozean. Fast wie aus den bekannten Filmen muten durch ihre Beleuchtung die lebendigen Schwarz-Weiß-Bilder von Zdenék Burian an, als er Old Shatterhand und Winnetou Blutsbrüderschaft trinken lässt.  (Renate Freyeisen)

(Winnetoun stirbt in Old Shatterhands Armen - Foto: Museum Iphofen.)

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