Kultur

Satirische Schärfe in rustikalem grafischen Duktus, ist ein Markenzeichen von Karl Arnold. Hier seine Federzeichnung "Grauenvoller Selbstmord eines Münchners" (1923). (Foto: Staatliche Graphische Sammlung, VG-Bild-Kunst)

03.08.2012

Trügerische Gemütlichkeit

Karl Arnold in der Münchner Pinakothek der Moderne

Wie wär’s mit einem „Währungsdiktat“? Oder mit einem „Rassenzucht-Erlass“ und einem „Arbeitslosenverbot“? Solche bedrohlichen Geschenke hält jedenfalls der „Braune Engel“ in Händen, der über dem Berliner Reichstag einschwebt und niemand anderer ist als Hitler. Der Karikaturist Karl Arnold (1883 bis 1953), der diese Zeichnung in der Vorweihnachtszeit 1932 veröffentlichte, ahnte hellsichtig, welche „Gaben“ der spätere Führer bereithielt.
Zu sehen ist die bissige Karikatur in der Münchner Pinakothek der Moderne, wo die Staatliche Graphische Sammlung eine umfangreiche Karl-Arnold-Retrospektive präsentiert und sich damit von einer unerwartet humorvollen Seite zeigt.
Als Spross einer fränkischen Fabrikantenfamilie kam Arnold 1901 nach München, um Malerei zu studieren. Bald aber wurde er einer der wichtigsten Zeichner der Satire-Zeitschrift Simplicissimus, der das legendäre Blatt über Jahrzehnte entscheidend mitprägte.
Mindestens ebenso amüsant oder erhellend wie Arnolds politische Karikaturen sind seine Zeichnungen, die den Zeitgeist der 20er Jahre aufs Korn nehmen. Ein Blatt zeigt etwa eine Atelierszene mit der modernen Künstlerfamilie: Im Hintergrund sitzt Vati bei der schriftstellerischen Arbeit, vorne die Maler-Mutti mit Bubikopf an der Staffelei. Angesichts des greinenden Töchterchens neben ihr am Boden ruft sie dem Gatten zu: „Otto Emil! Dein Kind schreit!“ Man sieht: Das Rollenverständnis der emanzipierten Frau ist auch vor fast hundert Jahren ein Thema für die Satire.
Aber so reizvoll Arnolds Karikaturen durch ihre erzählerischen Inhalte und ihre variierende satirische Schärfe sind – ihre Wirkung wäre undenkbar ohne die zeichnerische Meisterschaft dieses Künstlers. Sein unerhört sicherer Strich verbindet schwungvolle, ja „mondäne“ Eleganz mit jener kraftvollen Kantigkeit, wie sie den Simplicissimus-Stil insbesondere vor dem Ersten Weltkrieg prägte: In der filigranen Rustikalität dieses grafischen Gestus scheint sich der damalige und teils auch noch heutige genius loci Münchens besonders deutlich zu manifestieren, der Urbanität mit Einflüssen aus dem bäuerlichen Umland verbindet.
Aus all dem erklärt sich auch die fast ikonische Kraft von Arnolds bekanntester Karikatur. Das Blatt, das 1923 nach dem gescheiterten Hitlerputsch entstand, zeigt einen aufgedunsenen Münchner Bierdimpfl mit Schnauzbart und Pfeife, der statt der Pupillen kleine Hakenkreuze in den Augen hat, was ihm einen besonders stieren Blick verleiht. So wird der Prototyp einer trügerisch-aggressiven Gemütlichkeit zum Inbild des dumpfen geistigen Klimas, das den Nährboden des Nationalsozialismus bildete.
Ausstellungsbesucher sollten viel Zeit mitbringen. Denn diese wunderbare Retrospektive gleicht einem historischen Bilder-Lesebuch, in dem man stundenlang schmökern kann. (Alexander Altmann)

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