Kultur

„Ein Archiv verborgener, der Imagination des Betrachters überlassener Bilder“, heißt es im Begleitheft der Ausstellung zu dieser Arbeit , die betitelt ist als „Latent Images Third part of the project Wonder Beirut“. (Foto: Haus der Kunst)

25.11.2016

Überflüssige Exponate

"Two Suns in a Sunset" im Münchner Haus der Kunst

Seit die puritanische Leistungsethik globalisiert ist, gilt auch für Kunstbetrachter: Ohne Fleiß kein Preis. Wäre ja noch schöner, wenn es da Oasen anstrengungsloser Kontemplation gäbe, versteckte Faulenzer-Winkel, wo die Leute nur auf dumme Gedanken kommen, denn Müßiggang ist aller Laster Anfang. Schließlich wird einem nichts geschenkt im Leben – und auch nicht im Münchner Haus der Kunst, wo es keinen Lift gibt, weshalb man in die hehren Sphären der Südgalerie zur Ausstellung Two Suns in a Sunset die Treppe erklimmen muss. Dass weniger bewegliche Zeitgenossen da leider draußen bleiben müssen, sollte man allerdings nicht allegorisch deuten in dem Sinn, dass das Höhere eben nicht allen zugänglich ist. Denn auch wer noch kraxeln kann, tut sich schwer mit den Werken des libanesischen Künstlerpaares Joana Hadjithomas und Khalil Joreige (beide Jahrgang 1969), die hier gezeigt werden.
Der Aufstieg geht ja noch, denn über die ganze Höhe des Treppenhauses hängen Dutzende Bildschirme an den Wänden, auf denen Menschen aus aller Herren Länder in Frontalansicht ruhig und konzentriert sprechen. Zu verstehen ist bei dem Gewirr überlagerter Stimmen natürlich nicht, was sie sagen (sie rezitieren Texte von Spam-Mails, wie man aus dem Beipackzettel zur Ausstellung erfährt), aber in dem ostentativen Gesumse der Unverständlichkeit steckt eine wohltuende Verweigerung von Sinn. Halb anrührendes Menetekel der Vergeblichkeit, halb Treppenwitz seiner selbst, ist dieses Werk aber auch schon das einzig überzeugende der Schau.
Im Gegensatz zu ihm sind die übrigen Exponate nämlich keine eigenständigen Kunstwerke, die per se etwas hergeben. Sie sind vielmehr bloß die Illustration von Ideen – die sich aber nicht aus dieser Illustration erschließen, sondern die der leistungsorientierte Besucher im Beipackzettel erst nachlesen muss. Dann wird er nach dem Fleißbildchen-Prinzip belohnt: Er „versteht“ jetzt die Exponate, weil er sich in einem Akt der Fremdbestimmung buchstäblich vor-schreiben lässt, was er denken soll – wohingegen man wirkliche Kunstwerke, die ja immer mehr oder etwas ganz anderes sind als die Intention ihres Schöpfers, nicht „versteht“, sondern je individuell, also selbstbestimmt, erlebt.
Kurzum: Wer das Treppenhaus gesehen hat, muss den Rest der Ausstellung gar nicht anschauen, sondern es genügt, das kostenlose Begleitheftchen zu lesen (falls man das überhaupt will). Dort heißt es dann etwa: „Das Video Always with You (2001-2008) entstand während der Parlamentswahlen des Jahres 2000 in Beirut. Es zeigt Wahlkampfplakate mit ungewöhnlich sentimentalen Slogans. Die Plakate überlagern sich und verschwimmen ineinander, sodass die bildliche Übersättigung letztlich auf ein Verschwinden hinausläuft.“ Aha. Hier ist begrifflich formuliert, was die Exponate bildnerisch nicht zu artikulieren vermögen – womit sie quasi überflüssig sind. Insofern hätte es genügt, die Treppenhaus-Installation einzurichten und sich den Fleiß-Aufwand für die restliche Ausstellung zu sparen. (Alexander Altmann)

Information: Bis 12. Februar 2017. Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München. Mo. bis So. 10-20 Uhr, Do. 10-22 Uhr. www.hausderkunst.de

 

 

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