Kultur

Es ist nicht alles Gold, was golden glänzt: die Kubusfassade ist aus Messing. (Foto: Lenbachhaus)

03.05.2013

Überirdisches Licht

Mondän, der Tradition augenzwinkernd verbunden: Am 8. Mai öffnet das neue Lenbachhaus

Bisher war es der ewige Stenz unter den Gemäldegalerien der Welt: Angesichts seiner Exponate erschien das „bescheidene“ Lenbachhaus als Understatement, angesichts des Hauses wirkten die Exponate wie Hochstapelei – münchnerischer konnte nichts sein. Paradoxerweise bestand der Reiz des alten Lenbachhauses also in dem, was seine Neugestaltung nötig machte: in der Disproportion zwischen der internationalen Bedeutung des Museums (was den Blauen Reiter angeht, besitzt es Weltgeltung) und seinen fast privaten Räumlichkeiten. Man kam wie ein Gast durch den Garten und betrat ein Foyer, das keines war, sondern nur das Vestibül einer Villa (weshalb es die wachsenden Besuchermengen nicht mehr fasste).
Aber gerade weil die Kunstwerke dann einen überraschenden Kontrast zur leicht verschlafenen Villen-Atmosphäre mit ihrer Italianità bildeten, war ihre Wirkung immens. Die so filigrane wie rahmensprengende Wucht etwa von Anselm Kiefers Wandobjekt Die Frauen der Revolution wurde durch die intime Lokalität kongenial akzentuiert; kein perfektes Museum der Welt (allenfalls der Louvre in seinen verstaubteren Ecken) konnte gegen diese Vorzüge der „Unvollkommenheit“ konkurrieren.

Entrücktes Schweben

Und dennoch ist das neue Münchner Lenbachhaus ein Glücksfall. Was zunächst am geradezu überirdischen Licht liegt: Wie eine ätherische Substanz füllt es die Räume, durch die der Besucher entrückt schwebt. Dass Museen die Sakralbauten unserer Zeit sind, wo jeder für sich die Exaltationen ästhetischer Weltenthobenheit feiert, wird nirgends so deutlich wie hier. Eine hochmoderne LED-Beleuchtung macht’s möglich, die Schwankungen des (gefilterten) Außenlichts ausgleicht, das durch Fenster und Decken fällt. Tatsächlich verfiel die Journalistenschar sofort in Kirchenbesucher-Schweigen, als sie bei der ersten Präsentation das neue große Foyer betrat.
Nach vierjähriger Bauzeit öffnet die Münchner Städtische Galerie am 8. Mai wieder ihre Tore. An die renovierten Gebäude der historischen Lenbachvilla hat Star-Architekt Norman Foster so bestimmt wie behutsam einen Goldkubus angefügt, der zeigt, dass in München gilt: „Uns geht’s ja noch gold.“
Zumal die glänzenden Versprechen der Fassade im Inneren mit Leichtigkeit eingelöst werden: Hinreißend locker gehängt ist die Kunst des 19. Jahrhunderts, wo Bilder des Biedermeier, des Realismus und Impressionismus anregend kombiniert sind, ja vereinzelt auf Werke der Moderne treffen. Dass sie durch die Überlassung der Sammlung Christoph Heilmann mit französischen Gemälden der Epoche ergänzt werden, ist ein sensationeller Gewinn. Einzigartig auch die Präsentation des Blauen Reiter in angenehm „häuslich“ proportionierten Räumen – mal auf dezent farbigen, mal auf glitzernden Lehmputz-Wänden.
Und die Überraschung: Kandinsky wirkt auf einer Wandbespannung aus schwarzer Seide stärker denn je.
Nachbesserungsbedarf besteht nur in der Abteilung mit Kunst nach 1945, die überbestückt wirkt.
Großartig hingegen die Beuys-Sammlung im Atelier-Trakt, die dank einer Schenkung Lothar Schirmers und einer Neuerwerbung deutlich vergrößert werden konnte.
Aber auch das neue, mondäne Lenbachhaus bleibt seiner Tradition augenzwinkernd treu: Die „Gold“-Fassade tut nämlich nur so. Tatsächlich ist sie aus Messing. Wie sich’s für einen Münchner Stenz gehört.
(Alexander Altmann)

Abbildung:

Beeindruckend locker ist nun die Kunst des 19. Jahrhunderts gehängt – hier Bilder von Wilhelm Leibl (links im Hintergrund) und Max von Gabriel. (Foto: Lenbachhaus)

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