Kultur

Thomas Prazak als Dandy im chill-out Modus. (Foto: Kai Meyer)

14.10.2015

Überkandidesltes Narrenspiel

„Der Ideale Mann“ von Oscar Wilde am Theater Augsburg

London, spätes viktorianisches Zeitalter. Oscar Wilde, der Verfemte, kippt mit Der ideale Mann kübelweise Spott über das nichtsnutzig dekadente Gehabe seiner hochadligen Zeitgenossen, deren stiff upper lip dabei merklich ins Zittern gerät. In der Augsburger Inszenierung von Schirin Khodadadian wird aus dieser blitzenden Satire ein überkandideltes Narrenspiel zwischen derbdrastischem Kasperltheater, grobschlächtiger Monty-Python-Komik, klamaukigem Anarcho-Geblödel und viel Kindergeburtstag im Endstadium.
Geburtshilfe bei diesem Happening mit viel Rumgerutsche, Rumgewälze und Rumgekrieche, vorzugsweise auch unter dem filzdicken Teppich (Achtung Symbolik: der Staatssekretär Sir Robert hat in der Frühzeit seiner Karriere einiges dort drunter gekehrt) leistet Elfriede Jelineks eiskalt abgeduschte Übersetzung. Mit genüsslicher Lust schlägt sie Oscar Wilde das Sprachflorett aus der Hand und ersetzt es durch den brachialen Säbel ihres ruppigen Witzes, eine gehörige Prise Wiener Nobelpreisträger-Schmäh inklusive.
Das kontrastive Ambiente zu diesem Schicki-Micki-Hexensabatt bietet die ganz in Goldpapier eingewickelte Bühne mit einer oft und lustvoll benutzten Freizeitpark-Riesenrutsche. Carolin Mittler zeichnet dafür und, ein wahrer Augenschmaus, auch für die jahrmarktsbunten Kostüme vor allem der Damenwelt verantwortlich.
Manches ist müßig, manches mäßig an diesem dreistündigen Knallbonbon-Festival, etwa die zahlreichen eingeschobenen Songs. Manches ist purer Quatsch, etwa wenn sich die Herrschaften minutenlang gegenseitig mit Whisky (?) bespucken und überschütten. Und mitunter gelingen auch feine Theaterbilder, etwa wenn sich die schwer in die Bredouille geratene Mrs. Cheveley schlangenartig um Lord Goring windet.

Akrobatische Geschmeidigkeit


Die Schauspieler bestechen allesamt durch akrobatische Geschmeidigkeit und rasanten Spielfluss: Georg Trakis als ein etwas vielleicht zu jung geratener Sir Robert, Ute Fiedler als sein leise leidendes frustriertes Ehegespons, Thomas Prazak als Dandy im chill-out-Modus, Jessica Higgins als beeindruckend fiese Edelratte Mrs. Cheveley, Wiltrud Schreiner als vulkanisch dampfende Lady Markby. Gerne würde man dem exzellenten Augsburger Schauspielensemble auch mal wieder in einer exzellenten Inszenierung begegnen. (Hanspeter Plocher)

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