Kultur

Das Cranach-Jahr 2015 lädt ein, eine Künstler-Familie neu zu entdecken. "Die Venus mit Amor als Honigdieb" (hier ein Ausschnitt daraus) von Lucas Cranach d. Ä. ist Blickfang in der Fränkischen Galerie in Kronach. (Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen)

06.03.2015

Verführung und Propaganda

Eine Reihe hochkarätiger Ausstellungen zeigt, wie die Bild-Welten aus der Cranach-Werkstatt die Schau-Lust bedienten und der Reformation ein Gesicht gaben

Sein Werk vereint Gegensätze: Venus und Luther, Nymphen und Kurfürsten, Heiltumsbuch und deutsche Bibel – der Renaissance-Maler Lucas Cranach d. Ä. (um 1472 bis 1553) prägte mit seinen Themen und einem neuen, modernen Stil die Malerei des 16. Jahrhunderts. Im Cranach-Jahr 2015 wird allerdings erstmals auch sein vor 500 Jahren geborener Sohn Lucas Cranach d. J. (1515 bis 1586) in den Blickpunkt gerückt, der 1537 die Geschäftsführung der väterlichen Werkstatt in Wittenberg übernahm.

Reformatorische Belehrung

In Kronach wurde Lucas Cranach d. Ä. geboren, dort erlernte er das Malerhandwerk von seinem Vater Hans Maler. Eine Auswahl hochkarätiger Malereien in der technisch neu ausgestatteten und frisch eingerichteten Fränkischen Galerie auf der Festung Rosenberg in Kronach würdigt sein Œuvre. Die Venus mit Amor als Honigdieb (1534) ist ein Blickfang im Cranach-Saal. Repräsentiert sind aber auch die Bildgattungen des reformatorischen Lehrbildes (Christus und die Ehebrecherin, 1520), die Weiberlisten (mit einem Ungleichen Paar von 1528) und die Kurfürstenporträts.
220 Kunstwerke, darunter Arbeiten von Hans Pleydenwurff, Wolfgang Katzheimer und Tilman Riemenschneider, präsentiert das seit 1983 bestehende Zweigmuseum des Bayerischen Nationalmuseums unter dem Titel Fränkische Meister von Spätgotik bis Renaissance und der Weg zu Cranachs Kunst. Während seiner Studienjahre im süddeutschen Raum und in Wien lernte Lucas Cranach d. Ä. den großen Kollegen Albrecht Dürer kennen und kam in Kontakt mit den Gedanken des Humanismus. Er erarbeitete einen riesigen Fundus an Bildideen, auf die er ein Leben lang zurückgriff.
Cranachs Zeichenstil mit kurzen, bewegten Linien zeugt von seiner inneren Erregung. Als Vertreter der „Donauschule“ war er dem Ausdruck verpflichtet, vereinte Figur und Landschaft. Kurfürst Friedrich der Weise holte Cranach 1505 ins sächsische Wittenberg. Die Ausgestaltung der Schlösser mit Repräsentationsbildnissen und Altären wurde seine Aufgabe als Hofmaler.
Ein Sujet der Cranach-Werkstatt sind die „nacketen Bilder“: feinsinnige Aktdarstellungen mit allegorischen Themen. Sie beflügeln die Schau-Lust, dienen aber gleichzeitig der moralischen Belehrung.
Cranachs Werkstatt bewältigte die Auftragsflut durch rationalisierte, arbeitsteilige Prozesse. An die 100 Gemälde pro Jahr wurden gefertigt. Das manufakturhafte Arbeiten mit Spezialisten für Gesichter, Landschaften oder Tiere ermöglichte immer gleiche Qualität. Das Signet der geflügelten Schlange (das Emblem wurde ihm 1508 von seinem Dienstherrrn verliehen) avancierte zur Corporate Identity.
Cranach war befreundet mit Philipp Melanchthon und Martin Luther. Wie Medienprofis von heute setzen sie auf den Glauben an die Wahrheit des Bildes. Mit ihrer Bildpropaganda in Grafiken und Gemälden erhielt die Reformation ein Gesicht. Luther als Augustinermönch, als Junker Jörg auf der Wartburg, das Ehepaar Luther und Katharina – so wurde Politik gemacht.

Opfer der Zensur

Als Karikaturist ging Cranach große Wagnisse ein: In Luthers September-Testament (1522) zeigte er die Hure Babylon mit der päpstlichen Thiara. Die Zensur zwang ihn zur Tilgung der Papstkrone in der Dezember-Auflage.
Den Nerv der Zeit, den Luther mit dem Bibeltext in deutscher Sprache traf, unterstreichen auch die Illustrationen der deutschen Bibel von 1534.
Lucas Cranach d. J. musste die Werkstatt, deren Geschäftsführung er 1537 übernahm, durch schwierige Zeiten führen. Er leitete eine Reformation der Bilder ein, die nach dem Schmalkaldischen Krieg 1547 griff. Dem neuen Geschmack folgend, ersetzte er die stilisierten Porträts der 30er-Jahre durch deutlich lebendigere. Er zeigt Menschen als verletzliche Wesen. Augustin, der Sohn von Lucas. J., führte die Cranach-Werkstatt bis 1595. (Heidi Schmitt)

Ausstellungen im Cranach-Jahr

• Zentrale Webadresse: www.wege-zu-cranach.de
• Fränkische Meister von Spätgotik bis Renaissance und der Weg zu Cranachs Kunst zeigt Cranach-Arbeiten neben jenen von Pleydenwurff, Katzheimer, Riemenschneider und anderen. Bis 31. Oktober. Fränkische Galerie, Festung Rosenberg, 96317 Kronach. Di. bis So. 9.30 – 17.30 Uhr. www.kronach.de
• Cranachs Graphik spielte eine bedeutende Rolle als Experimentierfeld für neue Ausdrucksformen. Cranachs Graphik: Neue Narrative im Zeichen der Schlange zeigt unter anderem, wie die Grafik Luthers Image prägte. 27. März bis 31. Mai. Neu präsentiert wird auf der Veste die Sammlung altdeutscher Kunst, die neben 20 Werken Cranachs und seiner Werkstatt auch Arbeiten von Dürer, Baldung Grien, Burgkmair und Holbein zeigt (ab 27. März). Kunstsammlungen der Veste Coburg, 96450 Coburg. Tgl. 9.30 – 17 Uhr. www.kunstsammlungen-coburg.de
• Wie das Bild zum Werbemittel und zum Medium der Verführung wurde, zeigt Zwischen Venus und Luther: Cranachs Medien der Verführung. 21. Mai bis 22. Mai 2016. Germanisches Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, 90402 Nürnberg. Di. bis So. 10 – 18 Uhr, Mi. bis 21 Uhr. www.gnm.de
• Die Auseinandersetzung mit Cranach in den zeitgenössischen Künsten fördert der Lucas-Cranach-Preis 2015. Die Preisträgerausstellung Cranach 2.0 beginnt am 18. April in Wittenberg (Sachsen-Anhalt); vom 19. Juli bis zum 31. Oktober wird sie dann auf der Festung Rosenberg zu sehen sein, 96317 Kronach. Di. bis So. 9.30 – 17.30 Uhr. www.kronach.de

 

 

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