Kultur

Überzeugend nicht nur im Gesang, sondern auch in der Darstellung: Anja Kampe als Leonore, im Hintergrund Laura Tatulescu als Marzelline. (Foto: Hösl)

24.12.2010

Verkopftes Labyrinth

Calixto Bieito debütiert an der Bayerischen Staatsoper mit "Fidelio"

Wenn ein „Skandalregisseur“ nicht wehtun möchte und meint, sich neu definieren zu müssen, kommt meistens Murks heraus. Calixto Bieito ist ein „Skandalregisseur“, seine Vorliebe für nacktes Fleisch, Blut und Gewalt ist hinlänglich bekannt. Natürlich wirkt das manchmal recht abgegriffen, in der Regel aber punktet der Spanier mit einer aufrüttelnden, eigenen, höchst stringenten und konzisen Bildersprache und Dramaturgie. So war das etwa bei seinem Stuttgarter Parsifal im Frühjahr.
Für sein Münchner Staatsopern-Debüt hat sich Bieito Beethovens Fidelio vorgeknöpft – und eigentlich ist diese Oper ganz nach seinem Gusto. Um Liebe geht es da und um Gefangenschaft, Machtbesessenheit und Totalitarismus.
Doch offenbar wollte Bieito unbedingt zeigen, dass er es auch anders kann. Sicher, ein Gefangener erdrosselt sich selber mit einem Draht – zappelnd und würgend. Der unglückliche Kerkerpförtner Jaquino (Jussi Myllys) versucht hingegen, sich mit seinem Hemd zu ersticken. Der Minister Don Fernando (Steven Humes), der hier wie Batmans böser Gegenspieler Joker geschminkt erscheint, schießt am Ende wiederum auf den befreiten Florestan (Jonas Kaufmann). Ob er ihn auch erschießt und wessen Gegenspieler er hier überhaupt ist, bleibt offen.
Es war ein „Bieito light“, den man aufgetischt bekam – leicht verdaulich für die Münchner Opernschickeria, in mundgerechter Häppchengröße.
Dabei gab es durchaus gute Ansätze. So greift Bieito für das Vorspiel auf die Ouvertüre „Leonore III“ zurück, Beethovens Dialoge werden durch Texte von Jorge Luis Borges und Cormac McCarthy ersetzt. Kurz vor Schluss kommt zudem ein Streichquartett in Käfigen vom Theaterhimmel herab und spielt den verklärten langsamen Satz aus Beethovens op. 132. Das ist der stärkste Moment, bis dahin muss man sich aber durch zähes Herumklettern in einem Baugerüst mühen.
In diesem Labyrinth sind die Protagonisten gefangen, fast schon kammertheatralisch lenkt Bieito alles auf ihr Innenleben: Sie alle sind Gefangene ihrer selbst. In den Anfangsminuten der Inszenierung transportiert dieses Bild noch Beklemmung, doch damit alleine füllt man nicht den ersten Akt.
Immerhin, das passte zu den getragenen Tempi von Daniele Gatti. Stellenweise schimmerte Umdüstertes, andernorts musste man über Unsauberkeiten und Unstimmigkeiten hinweghören. Die Solisten überzeugten gerade auch im Darstellerischen, was ebenso für Wolfgang Koch (Don Pizarro), Franz-Josef Selig (Rocco) und Laura Tatulescu (Marzelline) galt. Im Rampenlicht stand jedoch Anja Kampe (Leonore, Fidelio), und vielleicht wäre es endlich an der Zeit, die gesanglichen Leistungen des Münchner Startenors Jonas Kaufmann nüchtern zu befragen: Im Piano vermag er kaum zu nuancieren, sein „Gott! Welch Dunkel hier!“ blieb gepresst. Dennoch gab es auch für ihn Jubel, Gatti und Bieito mussten einige Buhs hinnehmen. (Marco Frei)

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