Kultur

Regisseur Pavel Fieber gelingt eine flotte Inszenierung ohne übertriebene Seelenstocherei. (Foto: Posch)

11.02.2011

Verrucht-mondänes Germanen-Bild

Im Gärtnerplatztheater läuft mit „Grand Hotel“ eine Bühnenbearbeitung von Vicky Baums berühmtem Trivialroman „Menschen im Hotel“

Wer oder was in der Literatur seit dem Ersten Buch Mose ist gefeit gegen Dramatisierung, Veroperung, Verfilmung oder Musical-Adaption? Vicki Baum hat 1929 mit Menschen im Hotel einen dezent erotischen, mit seichter Psychologie und Gesellschaftskritik fesselnden Trivialroman geschrieben. Schauplatz ist ein Gasthof, zeitgemäß zum Grand Hotel nobilitiert. Spätestens seit Shakespeare nützen die Dichter diesen menschlichen Umschlageplatz für zwanglose Begegnung von Alt und Jung, Hoch und Nieder, aus örtlicher Bindung können schicksalhafte Bindungen entstehen.
Kritikerlegende Alfred Kerr hat den Roman und das flink zusammengeschusterte Schauspiel zwar als „Schmarren und Kitsch“ abgetan, doch Hollywood ließ sich von der – heute legendären – Verfilmung mit Greta Garbo nicht abhalten. Ein Autoren-Quartett aus Luther Davis, George Forrest, Robert Wright und Maury Yeston bastelte nach dem ersten Flop in den 1950er Jahren im Jahr 1989 eine zweite Musical-Fassung, die am Broadway drei Jahre lief.
Trotz dieser für Amerika vermutlich verrucht-mondänen Variante des Germanenbildes: Das Musical ist das schwächste Glied in der Hotelkette, mit seiner Zeitraffung und hanebüchenen Vereinfachung der Charaktere. Der Premierenerfolg im Theater am Gärtnerplatz lässt jedoch vermuten, dass auch die verkümmerten Gestalten noch die Urenkelgeneration ansprechen. Vielleicht dank ihrer bravourösen Vermittler? Da ist die Primaballerina Gruschinskaja, die ihren früheren Triumphen hinterherläuft: April Hailer spielt, singt und tanzt souverän ihren aufhaltsamen Daseinsabstieg mit dem aufkeimenden Wunsch verjüngender Umarmung. Ihrer erotischen Ausstrahlung erliegt der Beau, der hochstapelnde Felix: Dem in Wort und Ton schmelzreichen Lucius Wolter glaubt man sogar die Sekunden-Wandlung vom Juwelen- zum Herzensdieb. Hardy Rudolz stattet den nur finanziell nicht potenten „Herrenmenschen“ Preysing mit dem geforderten Unsympathischen aus; den schmächtigen, vom Tod gezeichneten grauhaarigen Buchhalter Kringelein, der einmal im Leben leben möchte, steigert Gunter Sonneson zum Helden des Abends. Um seine junge Beglückerin Flämmchen (Milica Jovanovic) ist bei all ihrer ausgebeuteten Weiblichkeit Tatkräftiges zu spüren, sie rührt an.
Pavel Fieber hat die Geschichte mit den Protagonisten und den zahlreichen Nebenrollen, die Tanzszenen (Choreografie: Hardy Rudolz) flott ohne übertriebene Seelenstocherei inszeniert, phantasievoll nützt er das zweistöckige Petit Hotel, das Christian Floren auf die Drehbühne gezaubert hat. Eine Broadway-Ausstattungsschlacht lässt sich hier ja nicht schlagen. Die Aufführung ist sehenswert, die Musik leider nicht hörenswert, obwohl sich die Musiker mit Andreas Kowalewitz an der Spitze mit Energie für den Schund einsetzen. Die Musik ist Konfektionsware pur, plätschert rhythmisch dahin, schnulzt mit melodieartigen Floskeln sirupsüß oder tut so, als biete sie sozial aggressive Töne oder gar inneren Schwung. Warum wohl das Komponisten-Trio selbst etwas sagen wollte, obwohl es nichts zu sagen hatte? Forrest/Wright haben einst für Kismet erfolgreich in Borodins Fürst Igor gewildert, Yestons Broadway-Hit Nine ist eine „Grüß Gott“-Partitur, in der man den Hut vor Wagner, Gounod, Verdi und anderen Kollegen ziehen kann. Warum so zimperlich in Grand Hotel? Der Schlager-Reichtum im Berlin der Roaring Twenties lädt doch zum Plündern ein. (Klaus Adam)

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