Kultur

Als Kinderbild soll Fanz Marcs "Katze hinterm Baum" (1910/11) verstanden werden. (Foto: Franz Marc Museum)

25.04.2014

Verstörende Kontraste

In Kochel prallen Franz Marc und Georg Baselitz aufeinander

Franz Marc im Dialog mit der Kunst des 20. Jahrhunderts zu präsentieren hat sich das Franz Marc Museum im oberbayerischen Kochel zur Aufgabe gemacht – diesem Profil wird es zur Zeit besonders eindrucksvoll gerecht. Parallel zum ersten Teil einer großen Marc-Erkundung, deren Fortsetzungen ab Mai (Im Kreis der Avantgarde) und dann ab Oktober (Jenseits der Utopien) gezeigt werden, kontrastiert das Museum derzeit Franz Marc mit Georg Baselitz: Aufbruch zu Licht und Farben heißt die eine Ausstellung, die andere Tierstücke. Nicht von dieser Welt.
Wie ein Donnerwort schiebt sich die Baselitz-Schau mitten hinein in die Welt des jungen Franz Marc, wie einen Stachel ins Fleisch, wie einen bildgewordenen Widerspruch. Wo doch so vieles Marc und Baselitz offenbar auch verbindet: das Traditionsbewusstsein, die Materialismus-Kritik, das Außenseiter-Dasein, der direkte Rückgriff von Baselitz auf Marc – so zählt es Cathrin Klingsöhr-Leroy in dem von ihr und Carla Schulz-Hoffmann herausgegebenen, substanzreichen Katalog auf. Und sieht dabei natürlich, dass die beiden Künstler aus zwei verschiedenen Deutschlands stammen und ihr Traditionsbewusstsein sehr verschiedene Wurzeln hat: die der deutschen „Dichter und Denker“ und die der „hässlichen Bilder“.
So kann der Besucher in Kochel jetzt diesen Parallelen und zugleich kontroversen Konzepten folgen, beginnt am besten bei Marc im Erdgeschoss. Dort kann er sich der Ästhetik der frühen Bilder hingeben, sich mit Munition für die anschließende Diskussion mit Baselitz ausstatten: bei dem unverstellt Kraftvollen von Pferden in der Sonne, bei den scheuen Rehen im Wald aus der Zeit von Marcs Farbstudien (1909/10) und vor der großen Farbexplosion der anschließenden Jahre. Dazu ermöglicht die Ausstellung auch den Blick auf Parallelbeispiele und -entwicklungen bei Jawlensky oder Kandinsky.
Bei Marc sind diese frühen Jahre gekennzeichnet durch verschiedene Blickwinkel: viele Frauenbilder im Grünen, am Meer und auf dem Berg schmeicheln durch gefällige Ästhetik. Während die Stehende Frau in Winterlandschaft von 1906 mit einer prononcierten, eigenständigen Farbigkeit provoziert und das Weiß des Schnees alles andere schier verschlingt.
Solche kritisch aufgebrochene Sicht stellt man auch bei den meist dunklen Pferdebildern fest, während die Begegnung mit den Werken van Goghs und Gauguins die Palette von Marc (Liegender Hund) sichtbar aufhellt. An Maria Marc schreibt er: „Ich male so sonnige und helle Landschaften, wie du sie in deinem Leben noch nicht gesehen hast!“ Als Paradebeispiel dafür zeigt die Ausstellung Hocken im Schnee von 1911.
Das Tiermotiv ist das frappierend Verbindende des Marc/Baselitz-Vergleichs. Was bei dem einen das Begriffspaar „Licht und Farbe“ ist, ist beim anderen das von „Farbe und Perspektive“. Und das verstört mit emblematischen Bildern von stürzenden Adlern, von Hunden, die von Farbflüssen überströmt sind, von Vögeln, aus denen die Trauer herausströmt.
Im obersten Stockwerk des Museums zeigt die Ausstellung, wie Baselitz seine Welt aufreißt – Nicht von dieser Welt steht darüber. Da zeigt Kochel einige der berühmtesten Baselitz-Bilder: Mensch und Tier an der Grenze zur Sodomie, gefährlich fletschende Schäferhunde in bedrohlichen Jagdfarben, befremdliche Übermalungen, tote Tiere. Zerschnitten, neu zusammengesetzt, Bildfragmente in verstörender Kommunikation. Tiererlebnisse vom Knuddeln und Kuscheln sind das nicht – Gefährlichkeit scheint überall signalisiert. Die Zwei Rehe von 1984 starren sich feindlich an mit aufgesperrten Schnäbeln – welch ein Gegensatz zu der sich zu einer Einheit schmiegenden Gemeinsamkeit der Marc’schen Rehe.
Die Zeichnungen vom Ende der 60er Jahre zeigen, wie solche Bilder bei Baselitz zustandekommen, wie er (Kuh abwärts) Tierleiber scheibenweise zerteilt. Linien sind das wie vom Messer gezogen – ein Bolzenschussapparat würde noch gut dazu passen. Gekreuzigte Kühe, Tierschnitte: Das ist bei Baselitz und seinen Tierstücken kein Brehms-Tierleben – der Tierfreund schaut besser weg, und solche Titel wie Pastorale kann man bei einem ins Abstrakte aufgelösten Adler (1986) nur schwer nachvollziehen.
Einigermaßen verstört tut einem danach die Kochelsee-Pastorale vor der Museumstür gut. Wenn man Glück hat, begegnen einem nämlich an einem solchen Museumstag noch die wichtigsten Besucher: Gruppen von Kindern mit vielen Fragen. „Wie hat dieser Franz Marc eigentlich ausgesehen?“, „Wo hat er gewohnt?“, „Ja, Adler haben wir auch schon gezeichnet.“ Sie nehmen aus dieser Doppelschau offenbar viel mit, nicht nur Erschöpfung wie das elaborierte Publikum. (Uwe Mitsching)

Franz Marc, Aufbruch zu Licht und Farbe bis 18. Mai; Georg Baselitz, Nicht von dieser Welt bis 21. September. Franz Marc Museum, Franz Marc Park, 82431 Kochel. Di. bis So. 10 – 18 Uhr. www.franz-marc-museum.de

Abbildung (Foto: Franz Marc Museum)
Nichts vom heroischen Wappentier hat Georg Baselitz’ abstürzender Adler (2009). (Foto: Franz Marc Museum) 

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