Kultur

Mörderische Waldeinsamkeit: Adrian Clark als Eckbert. (Foto: Karl Forster)

12.08.2011

Verwirrende Abgründe

Judith Weirs "Der blonde Eckbert" in Bregenz geriet stilistisch eher zerfahren

Die Bregenzer Festspiele haben sich längst zu einem Komplett-Festival entwickelt. Neben der Avantgarde- Programmreihe „Kunst aus der Zeit – KAZ“ wird ein hierzulande zu entdeckender Komponist vorgestellt: mit Bühnenwerken, Orchesterkonzerten, Kammermusik und Liederabenden. Im Zentrum stand dieses Jahr die englische Komponistin Judith Weir (1954 geboren). Nach der Uraufführung ihres Auftragswerkes Achterbahn folgte im Bregenzer Kornmarktheater ihre Vertonung der Märchennovelle Der blonde Eckbert des deutschen Romantikers Ludwig Tieck.
Mit halbsolistischen, gleichsam verloren wirkenden Instrumentalstimmen beschwört die Komponistin zu Beginn ein Zentrum deutscher Romantik: den deutschen Wald. Doch ihr ging und geht es nicht um eine bloße Adaption: „Alles das klingt, als wäre es hervorragendes Material für einen Psychoanalytiker“, sagt sie selbst.
Als ihre eigene Librettistin hat sie zentrale Stationen dieses „tragischen Märchens“ zu einem gut einstündigen Musikdrama verdichtet: die trügerisch ruhige Zweisamkeit von Eckbert und seiner Frau Berthe; deren Erzählung von unglücklicher Kindheit, von der Flucht in eine Waldhütte samt geheimnisvoller alter Frau; rätselhaftes Glück mit einem Edelsteine spendenden Vogel; Berthes Diebes-Schuld; Freund Walther weiß davon; Mord Eckberts an Walther; schamvoller Tod Berthes; Wiederkehr Walthers als „Hugo“, dann als alte Frau; Eckberts Erkenntnis, dass Berthe seine Schwester war, sein Wahnsinn und Tod.
Durch all diese Irrungen und Wirrungen hindurch singt der geheimnisvolle Edelstein-Vogel sein mehrfach wiederkehrendes Lied von der „Waldeinsamkeit“, dem einzigen deutschen Wort im Libretto.
Zugängliche Musik
Dazu hat Judith Weir eine romantische Melodie komponiert – und auch ansonsten einfach zugängliche zeitgenössische Musik geschrieben, Musik, die die Szene mal stützt, mal ergänzt, mal mehr als der Text erzählt.
Leider klangen die Vorarlberger Symphoniker unter Dirigent Robin Engelen auch in der Kammerorchesterbesetzung mehrfach zu laut. Geheimnis und zerstörerische Abgründe, die nicht mehr fassbare Wirklichkeit wurden nicht mysteriöser Klang. So hatten es die vier sehr guten Gesangssolisten nicht leicht, auch nicht durch Werk und Inszenierung.
Judith Weir hat die tödlichen Abgründe in den letzten zehn Minuten des Werkes zu stark komprimiert und für den nicht vorgebildeten Zuschauer schwer nachvollziehbar gemacht.
Das niederländisch-belgische Produktionsteam um Regisseur Wouter van Looy bot Stilpluralismus. Zunächst dominierte ein Video-Bühnenbild-Ersatz: Auf acht Kisten gebaute Minilandschaften wurden per Kamera auf eine Hintergrundleinwand zur „Szene“ vergrößert. Dann gab es Großaufnahmen von Eckbert und Berthe live. Nach einer Texteinblendung folgte die Mord-Szene – nun mit illusionistisch waberndem Trockennebel, dann zwei stilisierte Haus-Silhouetten wie bei Brecht, dann wieder Video – und in all dem wandelte sich der Zaubervogel auch in einen bedrohlichen Raben. Stilistisch eher zerfahren denn werkdienlich. (Wolf-Dieter Peter)

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