Kultur

Überzeitlich stilisiert: So gibt Johan F. Kirsten den Zauberer Klingsor. (Foto Falk von Traubenberg)

03.06.2011

Verwirrspiel um den Gral

Wolfram von Eschenbachs „Parsifal“ am Mainfranken Theater Würzburg

Erstaunliches Gralswunder am Ende der Würzburger Parsifal-Inszenierung: Kundry begleitet als in Goldlamé gehüllter Vamp den künftigen Gralskönig Parsifal zur feierlichen Inthronisation. Sie stirbt also nicht, erlöst und getauft, sondern schlüpft, nach drei Verkörperungen der Liebe – als heilkräftige Schamanin im ersten Akt, als erotische Verführerin im zweiten Akt und als tätige Nächstenliebe im Gewand einer Schwester Teresa im dritten Akt – am Schluss in die Rolle einer glamourösen Ehefrau. Ob sich das Richard Wagner bei seinem „Bühnenweihefestspiel“ auch so vorgestellt hat?


Kundry als Vamp


Regisseur Kurt Josef Schildknecht wollte wohl am Mainfranken Theater eine Art mythisches Märchen erzählen: Zuerst schilderte er ein Geschehen aus weit entfernter Zeit, wobei Amfortas in seinem modernen Krankenbett mit Infusionsflaschen nicht ganz dazu zu passen schien. Im zweiten, überzeitlich stilisierten Akt erschien der Zauberer Klingsor im roten Anzug mit roter Haartolle. Und Kundry versuchte im schwarzen Abendkleid den tollpatschig-passiven Parsifal auf einem schrägen Altar-Podest zu verführen. Im ersten Akt ließ der Gralsbezirk mit den schiefen, im Rund angeordneten Steinplatten an die geheimnisvolle Kultstätte von Stonehenge denken; schließlich schwebte ein schiefes Kreuz darüber. Klingsor trat auf einer erhöhten Galerie auf, die sich erst, als sie sich hob, als die Kehrseite dieses Kreuzes erwies.
Im dritten Akt dominierte zuerst eine Art Weltenbaum mit Kreuz-Vergitterung vor silbernem Blattwerk; an dessen Stelle rückte dann der Altartisch für das kultische Ritual der Gralsenthüllung, nachdem sich die Gralsritter gegeißelt hatten. Sie trugen blutrote Rucksäcke mit Kreuzen darauf. Wenn sie diese abstellten, wähnte man sich auf einem Soldatenfriedhof: Die Kreuze setzen sie auch als Schwerter ein. Während die Gralsritter weiße Mützen mit Kreuzen darauf und schwarze, glockige Mäntel trugen, waren die Blumenmädchen zuerst in weiße Krankenschwesterntracht gehüllt; als sie diese dann abstreiften, wurden aus ihnen dank der glitzernden, transparenten Gewänder attraktive weibliche Wesen (Kostüme: Gera Graf).
Viel Bewegung gab es in dieser Inszenierung aber nicht. Fast immer wurde feierlich geschritten, zeremoniell gehandelt. Abwechslung brachte die ausgezeichnete Lichtregie von Roger Vanoni. Videoprojektionen belebten sinnvoll, etwa zur Ouvertüre, und Klingsors Zaubergarten wurde durch unscharfe Schlachtenbilder auf dem roten Vorhang in seiner wahren Natur entlarvt. Aus der Bibel wurde zitiert, etwa wenn Kundry nach der Fußwaschung mit ihrem Haar Parsifal die Füße trocknet.
Offen bleibt, was uns der Regisseur mit seiner Interpretation mitteilen wollte. Dass der reine Tor die Menschheit erlösen könne, wird kaum klar. Wahrscheinlicher scheint, dass überlebte religiöse Riten menschliches Zusammenleben behindern. Wohl deshalb entledigten sich die Gralsritter am Ende ihrer Attribute, umarmten sich befreit. Gerade der letzte Akt enthielt oft überdeutliche Anspielungen.
Im Gegensatz zur Inszenierung ist die musikalische Darbietung einhellig zu loben. Jonathan Seers ließ das Philharmonische Orchester klanggewaltig, nie zu schnell oder zu wuchtig, mit suggestiven, sinnvoll gestalteten Steigerungen aufspielen. Auch Sänger und Chor wurden zu Recht bejubelt, allen voran Amfortas (Joachim Goltz) und die stimmlich in Höhe wie Tiefe nie grelle, aber kraftvoll geschmeidige Kundry (Karen Leiber). Claudius Muth war mit seinem sonoren Bass als würdiger Gurnemanz stets verständlich. Paul McNamara, als Parsifal nicht unbedingt vorteilhaft jugendlich gewandet, sang strahlend; als Klingsor beeindruckte Johan F. Kirsten mit stimmlicher Präzision und lockerem Spiel. (Renate Freyeisen)

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