Kultur

Fürs Foto sitzen die Musiker und Musikerinnen von der Amsterdam Sinfonietta - bei ihrem Auftritt in Würzburg begeisterten sie stehend das Publikum. (Foto: Marco Borggreve)

10.06.2015

Virtuos und genüsslich

Kammermusikalisches aus aller Welt beim Mozartfest

Der prachtvolle Kaisersaal der Würzburger Residenz ist zwar ein wunderbar inspirierendes Ambiente für die Musik aus der Zeit des 18. Jahrhunderts, aber akustisch ist er für große Orchesterapparate kaum geeignet. So tut das Würzburger Mozartfest gut daran, hierher hauptsächlich kleinere Ensembles einzuladen. Das ermöglicht einen aufschlussreichen Vergleich zwischen profilierten Kammerorchestern, hält diese aber auch an, in diesem von Stuck, Gold und Tiepolo-Fresken glänzenden Raum Passendes erklingen zu lassen, zumal man sich „Klassik“ auf die Fahnen geschrieben hat.

Nach einem etwas enttäuschenden Auftakt mit dem Mahler Chamber Orchestra, bei dem sich vor allem Mozarts „Pariser Sinfonie“ als eine Art Stolperstein erwies, da man sich hier allzu sehr verließ auf satten, fülligen Klang und einen gewissen Wohlfühlfaktor, dabei aber Esprit, gegenläufige Gedanken, geistreiche Verbindungen vergaß und das Werk zu flüchtig, zu routiniert herunterspielte, lieferte das Concertgebouw Kamerorkest Amsterdam den Beweis, dass gerade eine analytische Durchdringung viele Facetten Mozarts erschließt, die sonst nicht zu hören sind. Auch der Beginn des Abends, die Streichersinfonie c-moll des 15-jährigen Felix Mendelssohn-Bartholdy, wies plötzlich ungewohnt strenge Züge in den schnellen Sätzen auf, während das Andante fein elegisch singen durfte.

 Unter der Leitung der sehr engagierten Henriette Luytjes zeigte dann Mozarts A-Dur-Sinfonie KV 201 straffes, durchsichtiges, federndes Musizieren, das nie gefällig wurde, sondern delikaten Charme aufwies, ohne je trocken zu wirken. Auch Mozarts Violinkonzert B-Dur KV 209 mit Tjeerd Top als Solisten vermied jede Übersteigerung; er ließ seine Stradivari hell, wonnig singen, gestaltete alles aus einem großen Bogen heraus, ließ im langsamen Satz die Melodie ruhig aufblühen und endete in völliger Übereinstimmung mit dem Orchester.

Bei Tschaikowskys Streicherserenade C-Dur betonten die Niederländer das Schwermütige, die innere Spannung, ließen den Valse tänzerisch schweben, gaben eine andächtige Elegie und ein fulminant gesteigertes Finale. Auch hier erwies sich: Den formalen Aufbau durchscheinen zu lassen, wirkt nie langweilig. Im Gegenteil.

Das zweite Orchester aus den Niederlanden, die Amsterdam Sinfonietta, übrigens ebenfalls im Stehen und mit äußerstem Elan spielend, hatte ein Misch-Programm von schwermütig-skeptischer Haltung mitgebracht, Skandinavisches zur Umrahmung von Mozart. Die „Szene mit Kranichen“ von Jean Sibelius schilderte träumerisch versunken dunkle Naturstimmungen, während Mozarts Klavierkonzert A-Dur KV 488 dann doch eine andere Atmosphäre schuf. Rafal Blechacz saß hier hinter dem Flügel, dem Publikum zugewandt, was den Solisten mit seinen sagenhaft weich gebundenen, schnellen Läufen bestens ins Orchester integrierte, das trotz kraftvoller Energie und fein geschliffenem Klang nicht immer so ganz mitkam in diesem rasant vorantreibenden Tempo. Doch der introvertierte Mittelsatz fing alle Spannungen bestens auf, wobei eine traurige, schicksalhafte Stimmung vom Klavier betont wurde, bevor alles in einem brillanten, erregenden, fast überschäumenden Finale endete, das einen fast schwindlig werden ließ. Adagio und Fuge c-moll von Mozart waren dann wieder „schwere“ Kost und bildete so den Übergang zu einem g-moll-Quartett von Grieg in einer Fassung für Streichorchester; auch hier eher düstere Gedanken, Schwermut, Spannung und starke Akzente. Diesen strengen Eindruck löste ein wunderbar innerlich vibrierender Valse triste von Sibelius auf.

Solch positive Ausstrahlung hätte man auch gerne dem Kansai Philharmonic Orchestra aus dem japanischen Osaka bei seiner ersten Europa-Tournee gewünscht. Schon das Pogramm wirkte wenig ausgewogen, im ersten Teil Stücke vom Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts, in deren Mittelpunkt die virtuose Geige stand.

 Die war das Problem an diesem Abend: Während das groß besetzte Orchester akademisch richtig Schönklang pflegte, spielte sich der Solist und Dirigent Augustin Dumray zunehmend in den Vordergrund mit voller, nachdrücklich leidenschaftlicher Tongebung beim „Poème“ von Ernest Chausson, und bei den Ungarischen Tänzen von Brahms führte dies dann schon zum ersten Bruch; da kam das Orchester oft nicht mit, und auch in der „Meditation“ von Massenet konnte der Geiger kaum Emotionen aus den Asiaten herauslocken. So bleib „Tzigane“ von Ravel eine vordergründige Selbstdarstellung eines virtuosen Geigers. Damit versöhnte das moderne Stück „Lotus under the moonlight“ des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa, denn da konnte das Orchester endlich seine Stärken ausspielen, und Etsuko Hirose am Klavier war mit differenzierter, geschmeidiger Anschlagkultur eine sensible Impulsgeberin für die Schilderung von Naturstimmungen, die in einem Zitat aus Mozarts Klavierkonzert endeten. Leider konnte dann die A-Dur-Sinfonie Mozarts KV 201 dieses Niveau nicht mehr halten; hier war alles nur schematisch dem Wohlklang verpflichtet.

Musikalischer Genuss aber bedeutet nicht unbedingt Oberflächlichkeit. Das bewies die russische Kammerphilharmonie St. Petersburg bei der Residenz-Gala, die traditionell verbunden ist mit lukullischen Köstlichkeiten bei einem festlichen Diner und Weinen aus den besten Lagen Frankens. So erklang zuerst im Kaisersaal eine von innerer Spannung erfüllte Suite „Aus Holbergs Zeit“ von Grieg, bei der das Orchester unter der Leitung von Juri Gilbo alle Facetten von feiner Schwermut, intensive Weitungen und tänzerische Gelöstheit auskostete, ohne dass dabei der Klang zu fett wurde.

Ein Höhepunkt war ohne Zweifel Mozarts Konzert für Horn und Orchester Es-Dur KV 495, denn der „russische Paganini auf der Trompete“, Sergei Nakariakov, spielte es auf dem wärmer klingenden Flügelhorn mit weicher und doch strahlender Tongebung, entzückte in der Romanze mit genüsslichen Schattierungen und begeisterte in einem mitreißenden Rondo. Während sich das Publikum in Haydns Sinfonie „La Passione“ f-Moll von einem solch überwältigenden Eindruck entspannte und dabei auch Schicksalhaftes, Bewegtes, untergründig Ernstes vernahm, entfachte dann „Le Carneval de Venise“ von Arban – nach der bekannten Melodie „Mein Hut, der hat drei Ecken“ – mit den bravourösen, fulminanten, unglaublich flinken und doch grandios sauber geblasenen Variationen der Trompete einen Jubelsturm – die beste Überleitung zu den kulinarischen Genüssen für die Gäste.     (Renate Freyeisen)      

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