Kultur

Georg Baselitz feiert am 23. Januar seinen 80. Geburtstag. (Foto: dpa)

27.12.2017

Virtuoser Grafiker

Die Staatliche Graphische Sammlung in München ehrt Georg Baselitz zu seinem 80. Geburtstag mit einer Sonderschau

Anlässlich seines 80. Geburtstags und Georg Baselitz zu Ehren präsentiert die Staatliche Graphische Sammlung München in der Reihe ihrer Studioausstellungen "Im Blick" Meisterblätter aus zwei herausragenden Werkgruppen seines Schaffens. Gezeigt werden aus dem weltweit einzigartigen Bestand der Sammlung von mehr als 1100 graphischen Arbeiten des Künstlers auf der einen Seite frühe Hauptwerke aus der Serie „Helden“. Sie geben einen Eindruck von Baselitz‘ radikal expressiver Zeichnungskunst in der Mitte der 1960er-Jahre und bestätigen seine hervorstechende Position innerhalb der figurativen Kunst der Moderne und Gegenwart.

Auf der anderen Seite steht dem ein zweiter Höhepunkt mit Werken aus der jüngeren Zeit seines druckgraphischen Schaffens gegenüber. Aus dem singulären Münchner Bestand von 148 Probedrucken zu seinem Künstlerbuch „Malelade“ von 1990 sind exemplarische Blätter zu sehen, die Baselitz als virtuosen Techniker und brillanten Druckgraphiker ausweisen. Bestechende Farbradierungen von lyrischer Kraft begegnen in „Malelade“ den sprachlichen Experimenten des Künstlers, die sich zu einem kongenialen Epos der Moderne verdichten.

Die neuen Helden

Mit „Helden“ schafft Georg Baselitz zwischen 1965 und 1966 zuerst in Florenz während seines Aufenthalts als Stipendiat in der Villa Romana und später in Westberlin eine in sich geschlossene Werkgruppe aus Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken. Sie umfasst rätselhafte Porträts, die über die Bildtitel als junge Helden, Rebellen, Partisanen, Hirten und Aufständische aber auch als junge Maler auszumachen sind. Trotz ihrer überzeichneten massiven Körperlichkeit und ihrer zur Schau gestellten Virilität wirken sie inmitten apokalyptischer Landschaften geschunden und versehrt und alles andere als heroisch. In Melancholie versunken, kommen sie daher wie aus der Zeit gefallene märchenhafte Riesen, für die es in der Realität keinen Platz gibt – so nah sie uns auch in ihrer Wesenheit bis heute sind. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung wurden sie als Provokation empfunden, zeigten sie doch einen „Neuen Typ“ von „Helden“, der zum deutschen Wirtschaftswunder der 1960er-Jahre einen Anachronismus darstellt, wiewohl diese Jahre uns heute als eine Zeit des Vergessens und Verschweigens immer bewusster werden. Mit Sicherheit geht der „Neue Typ“ des „Helden“ – Alter Ego einer ganzen jüngeren Künstlergeneration – seiner Zeit voraus, nimmt er doch in allen Widersprüchen der Bildsprache das politische Aufbegehren der 68er-Bewegung vorweg.

Infantile Idiotensprache

Das im Wendejahr 1989 entstandene Malerbuch „Malelade“ holt zeithistorisch weiter aus, blickt vor und zurück, wenn Baselitz die Wesenheit deutscher Geschichte und Geschicke thematisiert. Schon das Wortspiel des Titels „Malelade“ changiert zwischen den Extremen einer infantilen Idiotensprache, wie Baselitz es formuliert, und dem weitsichtigen intellektuellen Fazit eines „peintre maudit“ – eines im Sinne des französischen Existentialismus in die Welt geworfenen Künstlers. Fortlaufende rudimentäre Wortfetzen wie „Romantiker // kaputt“ oder „viel Nacht sein kommen“ sowie „sein wider Schutz // und ohne Kleid // dummer Junge Esel“ entwerfen einen Kosmos sinnstiftender und zugleich paradoxer Bezüge. Niemand anders als der Künstler selbst verbirgt sich hinter diesem Zwiegespräch.

Die ungelenke brüchige Handschrift der radierten Schriftzüge forciert den Widerspruch semantischer und syntaktischer Ungereimtheiten einmal mehr und geht in den Motiven von Baselitz‘ dezidierter Ikonographie auf. Somit entwirft er ein facettenreiches Bild eines zerrissenen deutschen Sentiments, das nicht zur Ruhe kommt.

Kein zweites Mal hat Georg Baselitz so sprach- und bildgewaltig den Ist-Zustand der „conditio humana“ der Moderne in der Druckgraphik auf den Punkt gebracht.

Zugleich ist diese Kabinettausstellung eine Reverenz an den langjährigen Förderer der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Herzog Franz von Bayern. Er zählt zu den frühen Sammlern von Georg Baselitz und ist bis heute dem Künstler eng verbunden. (BSZ)

Information: 23. Januar bis 18. Januar. Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, 80333 München. Tgl. außer Mo. 10–18 Uhr, Do. 10–20 Uhr. 

Abbildungen:
Georg Baselitz: Ohne Titel (Kopf), 1967. (Foto: Staatliche Graphische Sammlung München/© Georg Baselitz)

Blatt 40 der Folge Malelade „sein wider Schutz / und ohne Kleid / dummer Junge Esel“, 1989
Probedruck. (Foto: Staatliche Graphische Sammlung München/© Georg Baselitz)

 

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