Kultur

Teurer als geplant, aber ein Hingucker: Das generalsanierte Stammhaus mit Neubau und gläserner Proben-Muschel für das Orchester. (Foto: POGO Zach)

06.10.2017

Visionen für die Volksoper

Über fünf Jahre dauerte die Wanderschaft des heimatlosen Gärtnerplatztheaters: Mit neuen Erfahrungen und zusätzlichem Publikum geht es zurück ins Stammhaus

Alles hat bekanntlich ein Ende. Das gilt, erfreulicherweise, auch für die Sanierung des Gärtnerplatztheaters. Über fünf Jahre dauerte sie – länger als geplant. Doch jetzt ist es vollbracht. Das schmucke Haus am Gärtnerplatz, ein besonderes Lieblingskind der Münchner, wird am 14. und 15. Oktober mit einer großen Gala offiziell wiedereröffnet.

Damit endet zugleich eine Wanderschaft, bei der unterschiedliche Orte in der Stadt bespielt wurden. Als großer Sieger geht einer hervor: Intendant Josef E. Köpplinger. Die knifflige Prüfung der Wanderschaft hat der Österreicher mit Bravour bestanden. Dafür sprechen schon die nackten Zahlen. Nach einem Absturz auf 890 Abonnements zu Beginn der Wanderschaft sind es jetzt über 2300. Das ist mehr als am Ende der Amtszeit von Ulrich Peters, dem Vorgänger Köpplingers.

Vor allem aber wurde die Wanderschaft durch München mit Leben gefüllt: kreativ und mustergültig in jeder Hinsicht. So hat das Gärtnerplatztheater die verschiedenen Stadtviertel für sich eingenommen: eine Art wandernde Visitenkarte. Damit konnte zusätzlich ein anderes Publikum generiert werden. Zugleich sind die Stammgäste bereitwillig mitgewandert. Vor allem wurden insgesamt künstlerische Top-Qualität und programmatische Vielfalt geboten.

Balance der Gattungen

An der Vision, eine echte Volksoper in München zu etablieren, hat Köpplinger beharrlich festgehalten, trotz aller widrigen Umstände. Köpplingers Gärtnerplatztheater steht für eine ausgewogene, kluge Balance der musischen Bühnengattungen. Ob Oper, Operette, Musical oder Tanz: Unter Köpplinger wird stets darauf geachtet, dass möglichst die besten Solisten mitmischen. Einfach war das in der Interimszeit nicht, weil die Wanderschaft und der Verlauf der Sanierung des Stammhauses keine langen Vorlaufzeiten zuließen. Trotzdem schaffte es Köpplinger, Sänger wie Daniel Prohaska und Angelika Kirchschlager zu gewinnen.

Andererseits hat Köpplinger einen guten Blick für Jungtalente. Dafür steht nicht zuletzt Liviu Holender, ein 25-jähriger Meistersinger mit Potenzial zum großen Kavaliersbariton. Nicht minder großartig sind Ensemblemitglieder wie Mathias Hausmann, Valentina Stadler und Anna-Katharina Tonauer.

Die Bühnensprache Köpplingers bietet wiederum oftmals eine kritische Inhaltlichkeit, die jedoch stets leichtfüßig ist. Nie wird der moralinsaure Zeigefinger erhoben oder einem pseudo-intellektuellen Denkfieber verfallen. Zugleich bleibt Raum für Neues.

Sein Versprechen, mindestens eine oder zwei Uraufführungen pro Jahr zu realisieren, hat Köpplinger gehalten.
Und nicht zuletzt ist das Publikum jünger geworden: Das zeigen gerade auch die Vorstellungen am Vormittag sowie für Familien und Kinder.

Aus der Not der Wanderschaft hat Köpplinger eine Tugend gemacht, trotz des beträchtlichen Ärgers rund um die Sanierung. Sie hat sich nicht nur um ein Jahr verzögert, sondern ist auch teurer geworden. Zunächst wurden die Kosten auf knapp 71 Millionen Euro geschätzt, 2016 waren es bereits 97 Millionen Euro. Im Juli wurde bekannt gegeben, dass noch rund 25 Millionen Euro hinzukommen. Im Bayerischen Landtag gab es deswegen ziemlich dicke Luft. Die Kostensteigerungen sind Verzögerungen geschuldet sowie Auflagen im Brandschutz und zusätzlich erforderlichen Baumaßnahmen. Auch der neue Probensaal für das Orchester wurde teurer. Der Bund der Steuerzahler hatte das Gärtnerplatztheater deswegen 2016 in sein Schwarzbuch aufgenommen. Freilich wurde nicht gegengerechnet, dass die Sanierung langfristig viel Geld einsparen wird, etwa bei den Betriebsabläufen zwischen den Werkstätten.

Beim Amtsantritt Köpplingers war der Ärger auch in anderer Hinsicht groß. Es kursierten Gerüchte, auch nach der Sanierung könnte es beim En-suite-Spielbetrieb bleiben, dass also jeweils nur ein Stück über eine längere Zeit gespielt wird. Denn Köpplinger hatte auslaufende Ensemble-Verträge nicht verlängert. Auf Nachfrage versicherte Köpplinger 2012, dass es beim Repertoire-Betrieb bleibe: „Mit bestimmt um die 30 Ensemblemitglieder im Musiktheater.“ Auch dieses Versprechen wurde gehalten. „Solange ich an diesem Haus bleibe, wird keine Planstelle gestrichen“, betont Köpplinger. „Ich würde auf der Stelle gehen.“ Das Gärtnerplatztheater muss mit demselben Budget wie das Residenztheater auch Orchester, Chor und Tänzer finanzieren. Und Köpplinger hat viel vor: Im Repertoire fehlen noch die Fledermaus, die Csardasfürstin, der Graf von Luxemburg, Offenbach sowie einige Spielopern.

Zwei Jahre gibt sich Köpplinger: Dann möchte er eine erste Bilanz ziehen im wiedereröffneten Stammhaus. Jetzt aber wird erst einmal der ersten großen Premiere im frisch sanierten Theater entgegengefiebert. Auf dem Programm steht die Operette Die lustige Witwe von Franz Lehár.

Worauf sich die Musiker freuen

Die Liste der Musiktheater, welche an der Musik vorbei oder sogar gegen sie saniert wurden, ist lang (in Deutschland zuletzt besonders kontrovers: Bochum, Koblenz oder Stralsund). Wenn die Musiker eines Hauses nicht eingebunden werden, droht Murks. Bei der Generalsanierung des Gärtnerplatztheaters beging man diesen Fehler nicht. „Wir wurden gehört“, bestätigt Clemens Weigel, erinnert sich aber: „Nur zwischendurch einmal nicht. Da waren wir sehr unsicher.“ Seit 25 Jahren streicht der gebürtige Würzburger das Cello im Gärtnerplatzorchester, er zählt zu den Vorständen des Klangkörpers.

Glücklicherweise wurde die Phase der Unsicherheit überwunden: Jedenfalls kann sich das Ergebnis nach der Sanierung sehen und hören lassen.

Dafür steht vor allem der neue Orchesterprobensaal. Er krönt das Dach des Neubaus im Hinterhof des historischen Stammhauses. Dieser Saal ist ein Hingucker. Stahl und viel Glas: Von außen sieht er wie eine futuristische Muschel aus. Innen überwiegen schlichtes Weiß und helles Holz. Die großflächige Fensterfront lässt sich nicht öffnen: um zu vermeiden, dass Anwohner bei geöffneten Fenstern von der Musik gestört werden. Grundsätzlich sind die Fenster schallisoliert. Zudem schützen sie gegen Hitze und Sonne. Für ein gutes Raumklima sorgt die lautlose Klimatisierung.

Im alten Probenraum studiert jetzt der Chor die Werke ein. Für das Orchester war er zu klein und akustisch nicht optimal. Denn ob Oper, Operette oder Musical, ob Barock und Klassik, Romantik und Moderne, Jazz und Pop: „Wir sind das Orchester Münchens, vielleicht sogar Deutschlands, das wirklich alle Genres und Stile nicht nur einfach abdeckt, sondern adäquat bespielt“, betont Weigel. „Wir brauchen einen Probenraum, der wirklich alles zulässt.“

Genau das ist jetzt gegeben, zumal die transparenten Deckensegel eine optimale Akustik ermöglichen. Von solchen Bedingungen können übrigens das Münchener Kammerorchester oder die Münchner Symphoniker nur träumen, zumal der neue Probenraum auch für Veranstaltungen geöffnet werden soll. Denkbar sind Kammerreihen oder Kammerszenisches, öffentliche Proben und Musikvermittlung.

Orchestergraben verbessert

Und der Orchestergraben? „Der ist zwar nicht größer geworden, aber die Ausgestaltung hat die Qualität gesteigert, gerade auch akustisch“, erzählt Weigel. Konkret wurden Paneele und spezielle Akustikwände eingebaut. „Die erste Grabenerfahrung war sehr angenehmen und positiv.“

An den Garderoben für die Musiker (sie befinden sich unten) wird noch unter Hochdruck gewerkelt. „Wir sind überzeugt, dass auch sie gut werden.“ Endlich gibt es ein Stimmzimmer zum Einspielen. „Früher wurde das in den Garderoben gemacht, deswegen ging es dort oft drunter und drüber. Das wurde jetzt entzerrt.“

Für ein Fazit ist es freilich noch zu früh, zumal der Spielbetrieb im wiedereröffneten Haus erst anlaufen muss. „Es muss sich alles erst einspielen. Da ist Feintuning nötig, aber das ist immer so“. meint der Cellist. Und Weigel ist guter Dinge, denn: „Wir Musiker stehen mit dem Haus in sehr gutem Dialog und leben in großer Harmonie. Wir ziehen alle an einem Strang und haben einen sehr musikalischen Intendanten. Das spiegelt sich in der Renovierung absolut wider.“

Alles unter einem Dach

Neben dem Probensaal für das Orchester ist die neue Kantine das Filetstück im „aufgemöbelten“ Gärtnerplatztheater – optisch jedenfalls. Sie befindet sich ganz oben. Von der einen Seite blickt man auf die Muschel des Probensaals, von der anderen reicht der Blick über die Dächer Münchens. Eine Dachterrasse gibt es auch.

Sonst geht es im frisch sanierten Gärtnerplatztheater in die Tiefe. Für zusätzlichen Raum wurde eifrig gebuddelt. Jetzt ist alles unter einem Dach, auch eine Probebühne in der Größe der Hauptbühne; sie war bislang in Harlaching. Außerdem werden Betriebsabläufe effizienter (und damit kostengünstiger), weil die Funktionalität der Räume und ihre Anbindung untereinander optimiert wurden (samt Aufzügen). Davon profitieren gerade die Werkstätten. Auch der Brandschutz wurde erneuert und das Haus ist barrierefreier.

Auf den ersten Blick erkennt man manche Erneuerung nicht, etwa im Pausenfoyer. Aber genau das ist richtig, weil das historische Gewand nicht wegsaniert wurde. Alles sieht schicker aus, selbst die Toiletten. Im Zuschauerraum wurden die Stühle neu bezogen. Die Stahlplatten des Bodens wurden ausgetauscht, um die Lüftungsschlitze nachzubessern: damit es nicht zu laut ist.

Auf Wunsch der Intendanz gibt es zudem einen „Wagner-Vorhang“, der multiperspektivische Verwandlungen ermöglichen soll. (Marco Frei)

Information: Am Sonntag, 8. Oktober, zwischen 14 und 18 Uhr steigt ein „Tag des offenen Zuschauerraums“ im Gärtnerplatztheater. Einlass stündlich, kostenlose Karten ab 13 Uhr.

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