Kultur

Thomas Hengelbrock mit dem Balthasar-Neumann-Chor und –Ensemble im Neumarkter Reitstadel. (Foto: Neumarkter Konzertfreunde)

04.12.2017

Vokalgipfel

Thomas Hengelbrock feiert mit dem Balthasar-Neumann-Chor und –Ensemble einevöllig neue "Marienvesper" von Monteverdi

Die Tournee geht von Hamburg bis Madrid, aber nach vier Tagen Proben begann sie in Neumarkts Reitstadel: Thomas Hengelbrock (Chef der NDR Elbphilharmonie) feierte dort mit seinem Balthasar-Neumann-Chor und –Ensemble Claudio Monteverdis 450. Geburtstag. Und bot für die „Marienvesper“ eine nach 2003 völlig neu konzipierte und musikwissenschaftlich überarbeitete Einstudierung.

Der ging es jenseits aller festgemauerten „kritischen“ Ausgaben um diese „Marienvesper“ als einer Zusammenfassung der Musikwelt am Beginn des 17. Jahrhunderts. Mit altflämischem Madrigalstil, Erinnerungen an die gravitätische Gregorianik, zusammen mit der Modernität der „neuen“ Oper war das  ein Kompendium aller damals verfügbaren Musik und blieb mindestens bis zu Monteverdis Opernhöhepunkt „Die Krönung der Poppäa“ unerreichte Avantgarde.

em wollte Hengelbrock auch dadurch gerecht werden, dass man nicht die alte Einstudierung von 2003 wieder aufwärmte („das wäre höchst unkünstlerisch“). Sondern von der „Intonatio“ an investierte man eine neu erspürte Italianità in diese „Marienvesper“.

Allein der Beginn und der nachfolgende Einsatz der historischen Instrumente klingt wie ein Flammenwerfer, der das  Halleluja wie eine Fackel entzündet wie die ganzen fast zwei Stunden danach  bis hin zu den jeweils vielgestaltigen „Amen“-Finali.

Der BN-Chor hat nach wie vor großartige Solisten in seinen Reihen: mit typisierten  Stimmfarben, Kompetenz für alle Koloratur-Feuerwerke und vokalen Attacken. Da gelingt den beiden Sopranistinnen Agnes Kovacs und Alicia Amo das balsamische Duett „Pulchra es“ so erotisch, dass man begreift, warum der angedachte päpstliche Widmungsträger das Werk ablehnte: es hätte wohl die ganze Kurie in Wallung gebracht.

In Venedig hatte man damit und danach weniger Schwierigkeiten. Oder damit, dass die Männerstimmen sich die übersteigerten „Sanctus“-Tonkaskaden waghalsig zuwerfen wie später rabiat und schwärmerisch zugleich die Wachsoldaten in der „Krönung der Poppäa“.

Thomas Hengelbrocks unaufwändige Leitung, die vieles den Interpreten überlassen kann, zielt auf immer wieder neue zugespitzte Vokalgipfel, schmetternde Tonfolgen, Arioses – als wäre man mitten in einer „italienischen Oper“.

Die Balthasar-Neumann-Leute haben alte Stil- und Gesangstechniken authentisch verinnerlicht, die aufgeladen-expressive Interpretation lässt den Zuhörer höchstens mal in einer kurzen Stimmpause von der Gurgel.

Was der Aufführung in dem kleinen, intimen Kammermusiksaal ein wenig fehlt, ist der ausschwingende Klangraum. Monteverdi hatte zwar „für Fürstengemächer“ über seine Noten geschrieben, aber die vielen extravaganten Echo-Wirkungen, die würde man am liebsten doch in Venedigs San Marco hören. (Uwe Mitsching

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