Kultur

Karen Dahmen, Daniel Scholz und Louisa von Spies in George Orwells "1984". (Foto: Marion Bührle)

27.10.2015

Vom Big Brother zum Big Data

George Orwells "1984" am Staatsschauspiel Nürnberg

Im Zeitalter von Big Data ist Big Brother ein Anachronismus. Die totale elektronische Überwachung ist eine Technologie und damit so anonym und abstrakt, dass kein Mensch mehr dahinter einen Menschen, den „großen Bruder“, vermutet, der uns gottgleich ständig beobachtet. Das können Algorithmen viel besser. Trotzdem steht der Slogan „Big Brother is watching you“ heute für ein Schreckensszenario, das sich zur Zeit geradezu aufdrängt, wenn der Bundestag die Vorratsdatenspeicherung soeben wieder beschlossen hat. Und damit der deutschen Erstaufführung einer Bühnenfassung von George Orwells Roman 1984 just zur Premiere zu überraschender Aktualität verhalf: Christoph Mehler inszenierte am Staatstheater Nürnberg 1984, dramatisiert von Robert Icke und Duncan Macmillan.

Steilvorlage für den Regisseur

Die beiden englischen Autoren verlegen die Handlung des 1948 geschriebenen Zukunftsromans, der schon damals in der fernen Zukunft von 1984 spielte, in das noch fernere Jahr 2050. Eigentlich eine Steilvorlage für jeden Regisseur, der damit einen Blick in unsere elektronisch dominierte Zukunft werfen könnte, in der sich die Bürger – was sich heute schon mit den Social Networks abzeichnet – selbst überwachen werden, wenn sie via Facebook und Twitter, Google und Apple freiwillig ihr Innerstes nach außen kehren und offenherzig die ganze Welt daran teilnehmen lassen. Snowdon und Assange samt NSA und BND haben sich selbst überholt.
Aber diese Chance lässt sich die Nürnberger Inszenierung entgehen, setzt vielmehr auf die immer noch beeindruckenden, aber eigentlich schon längst historischen Bilder von 1984, wo die totale Gleichschaltung und der totalitäre Meinungsterror der menschlichen Freiheit den Garaus machen. Entsprechend düster und klaustrophobisch geht es auf der engen Bühne der Kammerspiele dann auch zu (Bühnenbild: Jennifer Hörr). Wie Schemen tauchen aus dem Dunkel die Figuren auf, überblendet von irrlichternden Licht- und Schattenbildern, wabernden Spruchbändern und Parolen („Krieg ist Frieden“), die ein kafkaesk anmutender Chor (Marco Steeger, Martin Bruchmann, Pius Maria Cüppers und Thomas L. Dietz) lautstark und ohrenbetäubend unterlegt.

Ein Schnippchen schlagen

Persönliches und schauspielerisches Profil gewinnen da nur der noch nicht „entpersonte“ Winston (Daniel Scholz als armer, Tagebuch schreibender Wurm) und seine heimliche Geliebte Julia (Karen Dahmen als trotzige Liebes-Widerständlerin), die der „Denk-Polizei“, die die individuelle Liebe verboten hat, ein Schnippchen schlagen und sich trotzdem treffen und lieben. Bis man sie erwischt, foltert und einer Gehirnwäsche aussetzt, bis sie ihre Liebe verraten, sich gegenseitig beschuldigen und sich endgültig dem totalen Staat unterwerfen und damit aufgeben.
Das wird so hautnah gruselig gespielt, dass das sichtlich deprimierte und von so viel Bühnenrealismus mitgenommene Publikum gar nicht mehr auf reflektierende Distanz geht. Eine Distanz, die immerhin Louisa von Spies als Folter-Domina aufbringt und mit ironischer Brechung die Staats- und Polizeigewalt zur geglückten Karikatur verschärft.
Viel Beifall für diesen theatralen Blick zurück in eine Zukunft, die – so schlimm sie ist – noch viel schlimmer werden dürfte, weil wir selbst sie so wollen. (Fridrich J. Bröder)

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