Kultur

14.05.2010

Vom Traum, bessere Tiere zu werden

Eine neue „Zauberflöte“ am Gärtnerplatztheater

Als beim letzten Mal 2007 eine Zauberflöte von Mozart über die Bühne des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München rauschte, ging es kunterbunt zu. Eine Bearbeitung für Kinder wurde geschaffen, die hinter der spaßigen Fassade ein Familien- und Ehedrama hervorzauberte. Die jetzige Neuinszenierung von Rosamund Gilmore möchte ebenfalls Kinder ins Theater locken. Dafür wurde aber die Handlung nicht eigens bearbeitet und das Werk nicht auf anderthalb Stunden gestrafft. Ob die Rechnung trotzdem aufgeht? Bei der Premiere sah man nur vereinzelt Kinder, was freilich bei einer ersten Aufführung nicht ungewöhnlich ist. Doch wenn man mit ihnen in der Pause sprach, hörte man durchwegs Begeisterung. „Ich finde den Papageno ganz toll“, verriet etwa der neunjährige Max. „Und am Anfang, als die Tiere so herumtanzten – das war auch super.“ Max ist bei seinem ersten Opernbesuch kritisch: „Der Schluss mit Sarastro war lang.“ Max traf die Stärken und Schwächen dieser Inszenierung im ersten Akt. Temporeich und klug humorvoll, mit sehr viel Phantasie geht es in der Ouvertüre los, wenn bizarr-skurrile Menschentiere über die Bühne tollen. Sie werden immer wieder auftauchen, die Geschicke und Ungeschicke der Protagonisten wortlos nachempfinden und die Charaktere tänzerisch aufzeigen. Denn für Gilmore, die zuletzt an der Bayerischen Theaterakademie Peter Eötvös’ Tri Sestri sensibel ausleuchtete, sind die Figuren aus der Zauberflöte letztlich alle „Menschentiere, die davon träumen, bessere Tiere zu werden“. Deshalb prangt bald in großen, blassen Lettern „Vernunft“ über der mittleren der drei Pforten. Durch sie tritt vornehmlich der neunmalkluge Tugendwächter Sarastro (Holger Ohlmann). Doch lassen sich Liebe und Triebe mit der Vernunft nicht immer kontrollieren, weshalb die Tempelmannschaft bald verzweifelt. Doch zurück zum ersten Akt: Köstlich werden die drei Damen als Nymphomaninnen gezeichnet (wunderbar: Sandra Moon, Sybille Specht, Rita Kapfhammer), die es Tamino nicht gerade leicht machen. Umso zäher gerät der Auftritt von Sarastro, was sich bis in den zweiten Akt hinein fortsetzt. Doch schnell fängt sich die Inszenierung wieder – bis zum grandiosen Finale, als die Menschentiere die Feuer- und Wasserprobe von Tamino und Pamina bangend miterleben und die Königin der Nacht und ihr Gefolge beim großen Finale dabei sein dürfen. Zwar passt Robert Selliers weicher und heller Tenor vortrefflich zum Tamino, doch kam er bisweilen nicht ganz durch, was mitunter auch für Cornel Frey (Monostatos) galt. Dorothea-Maria Marx konnte als Königin der Nacht nur eingeschränkt überzeugen. Dagegen forcierte Stefania Kunschke als Pamina etwas. Star des Abends war Daniel Fiolka, der vor allem darstellerisch einen hinreißenden, liebenswerten Papageno zeichnete (derart punktete auch Milica Jovanovic als Papagena). Mit wohltuend raschem Tempo dirigierte Henrik Nánási die Ouvertüre, leider schwächelte zuweilen die Intonation im Orchester. Dafür brillierten die Chöre unter Jörn Hinnerk Andresen, und so wurde es ein vergnüglicher Theaterabend. Eines hat diese Produktion bewirkt: Max möchte wieder eine Oper besuchen. Wenn das kein Erfolg ist.

(Marco Frei)

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