Kultur

Dr. Wahn (Paul Kaiser) liebt es, Querverbindungen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen herzustellen. (Foto: Juliane Zitzlperger)

14.09.2012

Von Urteilen und Urteilchen

Paul Kaiser alias Dr. Wahn auf der Suche nach einer allumfassenden Theorie der Welt

Meine Damen und Herren, ich vermute, ich habe Ihnen etwas dargestellt, was man nicht erklären kann…“ In jene rätselhaften Dimensionen, wo man die Schwarzen Löcher wähnt, dringt dieser Dr. Wahn vor, die Kunstfigur von Paul Kaiser. Der ist Schauspieler, ist zwar in der Schweiz geboren, lebt aber in Regensburg. Kaiser hat ein Ein-Mann-Theater-Programm ersonnen: Das bietet eine Mischung aus naturwissenschaftlich-philosophischem Kabarett und atemberaubender Physikstunde.
Unter dem Untertitel Versuch einer allumfassenden Theorie der Welt lässt Kaiser als rothaariger, schussliger Wissenschaftler Wahn sein Publikum in anderthalb Stunden einmal quer durchs Weltall und zugleich durch zweieinhalb Jahrtausende menschlicher Sinnfindungsgeschichte rasen: Das Programm hatte seine Uraufführung 2011 in Regensburg und betreibt als nächstes in München und Landshut natur- und geisteswissenschaftliche Existenzexegese.
In der Naturwissenschaft, sagt Kaiser, ist nichts endgültig – die Wahrheit ändert sich in jedem Moment. Die Forschung entdeckt unentwegt neue Gewissheiten, die die alten über den Haufen werfen – derlei Falsifikationen sind steter Freudenquell anarchistisch gesinnter Menschen. Unlängst erst haben Wissenschaftler die „Gottesteilchen“ nachgewiesen; so etwas gefällt Kaiser, der vor zehn Jahren angefangen hat mit seiner Bühnenidee. Deren allmähliches Wachstum ist nur zu einem geringen Teil der Ironie und zu einem viel größeren ehrlichem Interesse geschuldet: Kaiser ist selbst so eine Art Gottesteilchen auf der permanenten Suche nach Sinn.
In seinem Programm, in dem Dr. Wahn unter anderem mit der scheinbaren Absurdität der Quantenphysik kämpft und von einem schwarzen Loch verschlungen zu werden droht, geht es um Unterhaltung mittels hochphilosophischer Betrachtungen – und hernach hat man richtig Lust, Spinoza oder Stephen Hawking zu lesen. Dr. Wahn zeigt, dass die Welt um uns herum ebenso spannend wie letztlich unergründlich ist. Aber es fühlt sich gut an, ein Teil von ihr zu sein.
„Ich kann“, sagt der Schauspieler über seinen Doktor, „mit dieser Figur viel mehr ergründen als ein Paul Kaiser.“ Denn unter der „Hausnummer verrückter Professor“ könne man sich Aristoteles, Platon, Heisenberg und Einstein viel entspannter nähern, denn als seriöser Bühnendarsteller. Aber gleich hinter Herrn Wahn schimmert Herr Kaiser durch: seine Lust, Querverbindungen zwischen wissenschaftlichen Disziplinen herzustellen, sein Spaß daran, bei der Suche nach Urteilen und Urteilchen auch den Irrsinn in diesem Bestreben stets mitzudenken.
Kaiser war bis zum Ende der vergangenen Saison Schauspieler am Theater Regensburg. Vorher waren seine Stationen unter anderem Aachen, Graz, Lübeck, Krefeld, Ingolstadt. Jetzt hat Kaiser Zeit, mit seinem „Dr. Wahn“-Programm auf Reisen zu gehen. Premiere am Münchner Metropol-Theater ist am morgigen Samstag, im kleinen Theater Landshut am 14. Oktober.
(Christian Muggenthaler)

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