Kultur

Neben dem Thronsaal ist der Sängersaal der prominenteste Raum in Neuschwanstein. (Foto: Bayerische Schlösserverwaltung)

27.08.2010

Wackeln bei Wagner die Wände?

Viele Burgen und Schlösser in Bayern verfügen über ideale Räume für Konzerte – wer sie mietet, muss allerdings Auflagen beachten

"Du teure Halle, sei mir gegrüßt!“, jubelt Elisabeth und stürmt in den Wartburgsaal. Den hat König Ludwig II. als „Sängersaal“ aus Thüringen nach Neuschwanstein geholt. Und die Nürnberger Philharmoniker lassen dort im September die Sopranistin Melanie Diener die Hallenarie aus Tannhäuser singen. Mit ihren beiden Wagner-bewährten Kollegen Robert Gambill und Jochen Kupfer gestaltet sie drei Wagner-Abende am (fast) authentischen Ort, das Orchester des Nürnberger Staatstheaters steuert noch dreimal Mozart/Tschaikowsky bei.
Musikdirektor Christof Prick vermutet, dass die „Konzertgesellschaft Schwangau e. V.“ das Nürnberger Ensemble als Wagner-Mannschaft ins Märchenschloss verpflichtet hat, weil man Tannhäuser eben erst im Spielplan hatte. Prick weiß, dass die Akustik in Neuschwanstein nicht unproblematisch ist, aber in seinem Tannhäuser-Digest kommen sowieso eher die lyrischen Seiten zum Zug. „Verschlankt“ muss Wagner im Sängersaal klingen – aber 60 Musiker müssen schon aufs Podium passen. Und: „Für mich als Hamburger ist das schon etwas Besonderes, auch wenn ich nicht die ganz dichte Beziehung zu Ludwig habe.“
Außerdem ist Prick die Neuschwanstein-Tournee-Woche für sein Orchester wichtig: „Wenn wir auf Reisen gehen, dann ergeben sich Effekte der Gruppendynamik, Motivation und Gemeinschaftsgeist.“

Gratwanderung

Beim Publikum rechnet Prick mit einer Mischung aus Ludwig- und Wagner-Fans – Tschaikowskys Pathétique ist auf Wunsch des Veranstalters mehr den fernöstlichen Touristen geschuldet.
Die haben am Wochenende zuvor aber auch schon Gelegenheit zu einem musikalischen Neuschwanstein-Erlebnis: Da spielt das Münchner Kammerorchester, singt Nuria Real, und man fragt sich: Ist das alles nicht ein bisschen viel Konzert-Spuk in Ludwigs märchenhaftem Schloss? Halten das denn die Mauern aus? Ist deshalb der Einsatz von Restauratorenteams häufiger geboten?
„Nein“, sagt Jan Potthast, Referent bei der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen. In Neuschwanstein gebe es eben nur diese neun Termine im September. Seine Restauratorenkollegin Katrin Janis schränkt allerdings ein: Die Bewahrung denkmalgeschützter Schlösser und ihre Nutzung für kommerzielle Zwecke sei schon „eine Gratwanderung“: Im „Angebot hat die Schlösserverwaltung 45 Objekte von Aschaffenburg bis Herrenchiemsee. Mieten kann sie jeder, ob für eine Hochzeit oder eine Konzertwoche. 2009 hatte man 3609 Raumbelegungen, davon 2328 für kulturelle Veranstaltungen.
Die meisten Sorgen machen sich Potthast und Janis über die anstehende Hollywood-Produktion der Drei Musketiere, denn die Residenzen von Würzburg und Bamberg, die da eine Hauptrolle spielen sollen, gehören auch zur Schlösserverwaltung. Gegen den organisatorischen Aufwand für solche Filmprojekte sind das Aufstellen der Stuhlreihen oder des Orchesterpodiums in Neuschwanstein unproblematische Routine.
Im Internet kann der Mieter eine Vorauswahl treffen, jeder Raum ist in seiner Kapazität und Nutzbarkeit beschrieben, die Kosten richten sich nach „gesellschaftlicher“ oder „kultureller“ Verwendung: in Schloss Ellingen (Mittelfranken) kostet die Kapelle für eine Hochzeit gerade mal 50 Euro plus Nebenkosten, das Cuvilliéstheater in München dagegen 5000 Euro pro Tag.
Damit erwirtschaftet die Schlösserverwaltung im Dienste des Finanzministeriums neben den 17,6 Millionen Euro Eintrittsgeldern (2009) allein 3,5 Millionen Euro Mieteinnahmen: „Damit stehen wir im europäischen Vergleich sehr gut da“, freut sich Potthast. Und wenn er die Pachteinnahmen etwa für Schlossgaststätten und alles andere noch dazurechnet, kommt er auf einen Kostendeckungsgrad von 54,2 Prozent.

Grundgerüst an Vorschriften

Jeder Raum in Schlössern, Burgen, historischen Theatern oder Künstlerhäusern ist nach A/B/C klassifiziert: Kann man dort Konzerte veranstalten oder auch ein Buffet aufbauen, eignet er sich für Bestuhlung oder nur für einen Stehempfang? Ein „Grundgerüst“ an Vorschriften gilt für alle Räume: Rauchverbot, kein offenes Feuer, auch nicht mehr von Kerzen, abgedeckter Fußboden. Sonderregelungen gibt es etwa für Filmaufnahmen: keine Klebestreifen für Kabelverlegungen, Schweinwerfer in Mindestabstand von den Wänden usw. Das wird dann durch einen ständig anwesenden Restaurator mit Weisungsbefugnis überwacht. Den versteht die Schlösserverwaltung als „Fachberater“, der das gesamte Geschehen von den Proben bis zum Abbau betreut.
Aus Sorge um die historische Bausubstanz und Ausstattung sind Auflagen in vielen Schlössern unumgänglich. Willkommen sind Restauratorin Janis deshalb Räume in den Prachtbauten, die extra neu für die Vermietung geschaffen werden: Dann ist einerseits die Einbettung ins historische Ambiente gewahrt, andererseits sind sie dank neuer unempfindlicher und leichter ersetzbarer Materialien robuster beim Publikumsverkehr. Ein Beispiel dafür ist der Hubertussaal in Schloss Nymphenburg mit seinen Schlosskonzerten bis hin zur Kammeroper: „Das ist eine sehr gute Strategie, minimiert die Belastung, und Unfälle vernichten keine historische Substanz.“ (Janis)
Im Sängersaal von Neuschwanstein gibt es Konzerte schon seit 1933 – Richard Wagners 50. Todestag. Werbung durch Musik hat „unser meistbesuchtes Objekt“ (zusammen mit Linderhof und Herrenchiemsee 40 Prozent der Gesamtbesucherzahl) wahrhaftig nicht nötig, die würde man sich eher für Schloss Höchstädt in Schwaben oder Ellingen wünschen. Und Katrin Janis fügt an: „Wir sollten von Massenveranstaltungen wegkommen: lieber exklusiver und ein bisschen teurer. Dann würde man Einnahmen garantieren, aber auch Denkmalschutz.“
Konzerte im Sommer auf Herrenchiemsee mit seinen 55 Stuhlreihen im Spiegelsaal oder bald in Neuschwanstein sind immer ein besonders festliches Ereignis – und unproblematisch auch dadurch, dass man wie Dirigent Prick an die „Teure Halle“ und an Wagner mit der nötigen Zartheit herangeht.
(Uwe Mitsching)

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