Kultur

Rauchschwaden gehörten zum Ambiente des legendären „Simpl“ in München. (Foto: SZPhoto)

05.10.2012

Wärmestube für Intellektuelle

Kabarettist Hannes Ringlstetter glaubt an die Renaissance der Kaffehauskultur in München

Heuer ist „Friedrich der Große-Jahr“: Der „Alte Fritz“ ist am 24. Januar vor 300 Jahren geboren worden. „Was geht mich Friedrich der Große an!“ Das sagen nicht wir – so ließ einst Joachim Ringelnatz sein Gedicht von der Schnupftabaksdose enden. Und auch das ist ein Jubiläum: vor 100 Jahren erschien das Gedicht.
Da lebte dieser Hans Bötticher, der sich erst ab 1919 nach „Ringelnass“, also „Seepferdchen“ auf Seemännisch nannte und seine Frau „Muschelkalk“, schon vier Jahre in München. Den Anstoß zu seiner skurrilen Lyrik, den bekam der gebürtige Sachse aus Wurzen von seiner neuen Heimat: „In München. ‚München’! Schlürfe dieses Wort!“
Geschlürft hat Ringelnatz in diesen Münchner Jahren nicht nur Worte – sondern auch Flüssiges in den Bars und Kneipen der Maxvorstadt. Dirk Heißerer widmet Ringelnatz und dieser „Atmosphäre aus Enge, schlechter Luft, vielen Bildern an der Wand, Musik, Tanz und rezitierten Gedichten“ in seinen „Literarischen Spaziergängen durch Schwabing“ ein ganzes Kapitel.

Mehr als nur Lifestyle

Wer sich heute auf die Suche macht nach dem klassischen Literatencafé in der Tradition des „Simplicissimus“, der legendären „Wein=Kaffee=und Flaschenbier-Wirtschaft“ in der Türkenstraße und mit dem Namen des berühmten Satireblattes, geht an der alten Stelle leer aus. Findet vielleicht aber in der Haimhauser Straße hoch über der Straße „Ringelnatz“ trotzdem wieder: auf dem Wirtshausschild vom „Café Ringelnatz“.

Dort gibt es sie tatsächlich noch ein wenig, diese alte Simpl-Mischung von Wein, Kaffee, Flaschenbier samt einem günstig-guten Mittagstisch – man darf selbstverständlich nicht mehr rauchen: „Zu diesem Habitus des stundenlangen Sitzens gehört aber das Rauchen“, räsonniert bedauernd der Kabarettist Hannes Ringlstetter.
Wo gleich um die Ecke das Lustspielhaus oder das Vereinsheim, nur ein paar Häuser weiter die Lach & Schieß, lebt im „Café Ringelnatz“ und für Ringlstetter & Co die alte Schwabinger Bohème wieder auf: „Es kommen Schriftsteller, Regisseure, Redakteure.“ Und er vermutet: „Schwabing wird wieder ein Künstlerzentrum und ist nicht wie in früheren Jahren nur ein Lifestyle.“ Denn aus eigener Erfahrung weiß der Kabarettist und Autor, in München geboren, in Straubing aufgewachsen, der überall im deutschsprachigen Raum auf Tournee ist: „Großstädtische Literaten und Kabarettisten brauchen ein zweites Wohnzimmer! Wenn ich in München bin, hocke ich hier. Ins Café Ringelnatz geht’s wie mit dem Autopiloten – ein beruhigendes Gefühl.“

Schwabinger Kunst-Konzern

Das verdankt er zu allererst Till Hofmann und dessen GmbH. Denn unter deren Dach hat der ehemalige Passauer und Fahrer von Willi Astor und Bruno Jonas inzwischen alles in dem Dreh Haimhauser-/Occamstraße versammelt, was mit Kunst zu tun hat, neuerdings auch eine Galerie („Truk Tschechtarow“). An so einem Kunst-Konzern gibt es für Ringlstetter nichts auszusetzen: „Ein funktionierendes Lustspielhaus ermöglicht die Impro-Abende im Vereinsheim oder die Schaumschläger-Show als Hofmanns Talentschmiede. Oder das billige Mittagessen im Ringelnatz. Das hat für Schwabing eine richtige Netzwerkfunktion.“
Was das Gespräch sofort auf das Vorbild „Wiener Kaffeehaus“ lenkt: „Unser Genre lebt von der Kneipe“: genauso wie das Wiener Fin-de-siècle von Peter Altenberg bis Arthur Schnitzler. Und dieses Vorbild strahlte damals in die gesamte Monarchie aus: Literatencafés in Prag, Budapest, darüber hinaus in Berlin und Paris. Stefan Zweig verbrachte seine Jugendjahre im Kaffeehaus, „der besten Bildungsstätte für alles Neue“, das jüdische Bürgertum erlebte hier einen Teil seiner Emanzipation – typisch, dass diese Kaffeehauskultur nach der zweiten Blüte während der Weltwirtschaftskrise mit dem Einmarsch Hitlers niedergetrampelt wurde. Gerade zu Zeiten wirtschaftlicher Not drängten die Künstler ins Kaffeehaus: eine Wärmestube für Intellektuelle, wo man stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen und eben rauchen konnte. Und seinem Stammcafé dann auch ein literarisches Denkmal setzte: Peter Altenberg in Kaffeehaus, Heimito von Doderer in Meine Caféhäuser, Friederike Mayröcker in Für Josefine Hawelka, Barbara Frischmuth mit Café Fluch und André Heller mit Ein Ort der selbstverständlichen Täuschungen in einem Sammelband über den „Wiener Mythos“ des Café Hawelka.
Solche literarischen „Warmhaltestuben“ für Bohèmiens, weiß Elisabeth Tworek, Leiterin des Münchner Literaturarchivs Monacensia, gab es mit dem Café Luitpold, dem Café Stephanie, dem Café Annast am Hofgarten auch in München – eine inzwischen völlig verwandelte oder untergegangene Kaffeehauskultur. Der das 1888 eröffnete und im Zweiten Weltkrieg zerbombte Café Luitpold in der Brienner Straße heute immerhin ein hübsches Museum im ersten Stock über dem Palmengarten widmet: mit Bildern, Archivalien, als Tribut an das Heute mit multimedialen, interaktiven Anwendungen und einem Museumsshop. Dort zitiert man einen „bäuerlichen Besucher“ 1890 mit seiner Bewunderung: „An Pracht und Luxus eher einem Lusttempel als einem Kaffeehaus ähnlich sehend, strotzt alles mit Marmor, Spiegeln, Gemälden, vergoldeten Holzschnitzereien, Blattpflanzen und den ausgesuchtesten Möbeln.“ Entsprechend das Angebot auf der Speisekarte: „englische Langousten“, „Holländer Austern“, „japanische Kackis“ für „hohe und höchste Persönlichkeiten“.
Weniger für einen Rainer Maria Rilke, Hans Carossa, Frank Wedekind, Ludwig Thoma oder Loriot, die auch hier einkehrten und sich im Gästebuch verewigten. Und die „Serviererinnen, Wassermadln, Büffetfräulein“ waren nicht nur den wohlhabenden Berühmtheiten, sondern auch den armen Dichtern und Studenten nahrhaft zugetan oder posierten neben dem Bus für die „Münchner-Fremden-Rundfahrten“, wenn er vorm Luitpold hielt.
Auch das „Tambosi“ erinnert mit vielen Fotos und Erinnerungskram an die literarische Vergangenheit, wo es nicht um Kaffee und Kuchen, Apérol oder Hugo ging, sondern um den intellektuellen Austausch auf hohem Niveau.
Wo jetzt in der Schwabinger Schellingstraße die türkische Gastronomie das Heft in der Hand hat, ist seit der Nazi-Zeit das literarische Kaffeehausleben ausgestorben. Elisabeth Tworek vermutet, dass sich von den 245 registrierten Münchner Autoren die meisten sich heute nicht mehr im Kaffee-, sondern im Gasthaus treffen: einen Enzensberger oder Timm, einen Achternbusch oder eine Asta Scheib treffe man eher in der ganz normalen Stadtviertelkneipe oder in „ihrem“ Italiener als im Café: „In München ergänzt das Bier den Kaffee und nicht der Wein wie in Wien.“
Und solche Institutionen wie das Literaturhaus am Salvatorplatz haben die Rolle des Cafés als Literaturbörse längst übernommen.

Ort der Inspiration

Ums Bücherlesen oder um Autorenlesungen geht es Hannes Ringlstetter im Ringelnatz-Café aber sowieso nicht: Wie in Wien will er die Tageszeitungen lesen oder das Wiener Kulturheft Der Falter, das im „Ringelnatz“ auch ausliegt. Und er sammelt im Café: die Geschichten und Gesichter aus dem Leben, die dann in seinen Kabarettnummern wieder auftauchen. „Hier im Kaffeehaus habe ich oft die Inspiration, die halte ich in Notizen fest – aber der konzentrierte Zusammenbau zu einer präsentablen Kabarettnummer, das geht bei mir dann doch nur in totaler Abgeschiedenheit.“
So lange wie in Wien bleibt man in Münchens literarischen Kaffeehäusern nicht sitzen: „Hier macht jeder hauptsächlich seine Termine. Und weil man zum Rauchen auf die Straße muss, kommt man immer wieder raus aus den Gedanken.“ Allerdings, so Ringlstetter, war das Flanieren draußen vormals ein wichtiger Teil des Münchner literarischen Lebens, „das Chice gehörte schon immer dazu: München als Repräsentationsstadt wie in Dietls ,Rossini’-Film.“ Auch an einem so skurrilen Kiosk vorüber wie dem „St. Moritz“ gegenüber der Katholischen Akademie und auf dem Weg aus Schwabing heraus in den Englischen Garten hinein: bis in den Winter mit Liegestühlen und Sand zum Spielen, mit Champagner zur Leberkässemmel und einer Decke zum Croissant-Frühstück. Hannes Ringlstetter, der Kabarettist und Kurzgeschichtenschreiber: „Ich bin ein Fan von Kunst, die nicht ortsgebunden ist, sondern überall geht.“
In seiner typisch Münchner Form lebt für Ringlstetter das alte Literatencafé, das viele andere Künste mit umrahmt, in Schwabing und im Glockenbachviertel langsam wieder auf: als Ort, wo man sich trifft und Termine macht, aber auch, wohin man als Einsamer von Tourneetagen zurückkehrt.
Obwohl Joachim Ringelnatz mit der Haimhauser Straße und dem Schwabing rechts der Leopoldstraße nichts zu tun hatte (Till Hofmann hat sich den Dichternamen von einem späten Ringelnatz-Nachfahren absegnen lassen), war auch er so einer, der nach „orientierungslosem Irren“ (Dirk Heißerer) in München „Bleibe und Arbeit“ fand: als Buchhalter, Reisebüro-Angestellter, Auftragsdichter und Zigarrenhändler mit seinem „Tabackhaus Zum Hausdichter“. Sein Sparbuch mit 500 Reichsmark brachte der „spinnerte Uhu“ mangels Umsatz am 31. Dezember 1909 damit durch. Aber für den Dämmerschoppen reichte es immer noch: „Ob ich will, ob nicht, ich muss / Nach den bildgeschmückten Wänden / In den Simplicissimus.“
Dort hat Wirtin Kathi Kobus gute Geschäfte mit der Münchner Bohème gemacht: 1912 konnte sie für 800 000 Goldmark in Wolfratshausen eine Villa kaufen. Aber es zog sie wieder in den „Simpl“ zurück, genauso wie Ringelnatz, der 1920 aus Berlin nach München zurückkam. Aber mit Mitte der Zwanzigerjahre bei einer Umfrage, was er sich denn noch von Schwabing erhoffe, antwortete: „Ich habe ausgehofft.“ Sein Fast-Namensvetter Ringlstetter sieht das anders. (Uwe Mitsching)

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