Kultur

Lauter Knete – aber wie kommt man auf die Füße? Ausschnitt aus dem Animationsfilm "Man in a Box" des griechischen Jungregisseurs Elias Papastamatiou. (Foto: Festival)

16.11.2012

Wagemutiges neben Konventionellem

Beim 32. Festival der Filmhochschulen wird erstmals die Originalität eigens geehrt

Sie sind das Grundkapital jedes erfolgreichen Filmprojekts, und wenn man Steven Spielberg folgt, sollten sie sich in höchstens 25 Worten zusammenfassen lassen: Originelle Ideen. Nie sind sie für Regisseure so wichtig wie am Anfang ihrer Karriere, wenn die ästhetischen und finanziellen Grenzen, innerhalb derer man sich entfalten darf, noch besonders eng sind. Als einzigartige Gelegenheit, sich als junger Kreativer vor einem internationalen Publikum zu beweisen, hat sich das Internationale Festival der Filmhochschulen in München etabliert. In diesem Jahr findet es bereits zum 32. Mal statt (noch bis zum morgigen Samstag). Aus der ganzen Welt sind Studenten der Filmhochschulen angereist, die ihre Werke im Filmmuseum präsentieren und Kontakte mit Vertretern der Branche knüpfen wollen, auch bei Partys.
Ihre beste Visitenkarte sollen freilich die Filme sein, die um die zahlreichen Preise konkurrieren. Heuer gibt es obendrein die neue Auszeichnung für den „originellsten Film“: Der sogenannte Wolfgang-Längsfeld-Preis wird von einer eigenen Jury vergeben und erinnert an den im Februar 2012 verstorbenen Gründer und langjährigen Leiter des Festivals.
Bereits die hohe Zahl an Co-Produktionen verschiedener Hochschulen zeigt, dass viele Nachwuchsregisseure nach Wegen suchen ungewöhnliche Ideen umsetzen zu können. So drehte der Amerikaner Damian John Harper von der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in Zusammenarbeit mit der Potsdamer Filmhochschule „Konrad Wolf“. Sein Film Teardrop handelt von einem jungen Amerikaner, der zur Aufnahme in eine Gang ein Mitglied einer verfeindeten Gruppe umbringen muss. Die existenzielle Erfahrung wird unmittelbar greifbar – Harper verwendet durchgehend eine subjektive Kamera: Der Zuschauer sieht alles mit den Augen des Protagonisten.

Verstörender Alltag

Ein ähnlicher formaler Wagemut findet sich bei dem Australier Andrew Kavanagh, der bereits im letzten Jahr mit dem vieldeutigen At the Formal über eine seltsame Abschlussfeier faszinierte. In seinem neuen Film Men of the Earth gleitet die Kamera minutenlang über eine Baustelle, und was zunächst ganz normale Abläufe zu sein scheinen, entpuppt sich immer mehr als rätselhaftes Ritual der Bauarbeiter. Erneut zeigt Kavanagh sein enormes Talent, in einer alltäglichen Situation überraschende und verstörende Elemente zu entdecken; die Chancen stehen gut für ihn, eines Tages im gleichen Atemzug mit weltbekannten Regisseuren wie Lars von Trier und Caroline Link genannt zu werden, die einst ebenfalls bei diesem Festival entdeckt wurden.
Originelle Perspektiven finden sich auch bei manchen Dokumentarfilmen: Der brasilianische Beitrag Tastes Like Chicken? ist ein hintersinniger Kommentar zur Nahrungsmittelindustrie aus der Sicht eines Huhns. Einen indirekten Zugang zu seinem Thema wählt auch Victor Orozco Ramirez in seinem eigenwilligen Animationsfilm Reality 2.0. Der gebürtige Mexikaner, der in Hamburg studiert hat, nennt sein Werk einen Essayfilm, in dem er eigene Erfahrungen verarbeitet habe: Die sicheren gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland lösen Erinnerungen an die brutalen Drogenkriege in seiner Heimat aus, vermischt mit surrealen Sequenzen wie die von einem Stier, dem in der Arena Flügel wachsen.
Das Festival zeigt, dass Nachwuchsregisseure die Möglichkeiten des Animationsfilms immer besser nutzen. Sei es wie bei Man in a Box, in dem der griechische Regisseur Elias Papastamatiou in bunten, verspielten Stop-Motion-Bildern von den Versuchen eines Knetmännchens erzählt, auf eigenen Füßen zu stehen. Sei es mit minimalistischen Graustichen und Schattenbildern wie in Tag Kind Nacht von Gitte Hellwig, einer sensiblen Annäherung an das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater.

Thema beherrscht Regisseur

Im Vergleich zur Virtuosität von Animiertem fällt auf, dass viele Realfilme eher auf konventionelle Erzählweisen und Stilmittel zurückgreifen, besonders, wenn sie von gesellschaftlich brisanten Themen handeln. Ob Amoklauf, Arabischer Frühling oder Afghanistaneinsatz – stets ist zu beobachten, wie das Thema den Regisseur zu beherrschen droht, anstatt umgekehrt.
Wie sich effektiv von gesellschaftlichen Veränderungen erzählen lässt, führt hingegen Kirkcaldy Man über den früheren Dartsweltmeister Jocky Wilson vor. Regisseur Julian Schwanitz durchstreift Wilsons schottische Heimat, spricht mit Saufkumpanen und Nachbarn und erfährt, dass der Champion ebenso der Vergessenheit anheimfällt wie die Tradition des Bergbaus in der Gegend und die alten Bars. Hzkuab Schwanitz gelingt es, dem „Gegenstand“ seines Films nahe zu kommen, ohne diesen je vor die Kamera bringen zu können. Bemerkenswert anrührend ist das und auf unaufdringliche Weise originell.
(Marius Nobach)

Abbildungen (von oben):

Teardrop von Damian John Harper.

Men fo the Earth von Andrew Kavanagh.

Taste Like Chicken? von Quico Meirelles.

Kirkcaldy Man von Julian Schwanitz.

 

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