Kultur

In Wagners Liebesverbot trifft die Volkswut den Karrieristen: Statthalter Friedrich (Tuomas Pursio) wird in seiner Aktenburg bedrängt. (Foto: Bayreuther Festspiele)

12.07.2013

Wagner rückwärts gehört

Ein Wechselbad der Gefühle zum 200. Geburtstag: Drei frühe Bühnenwerke des Komponisten in der Oberfrankenhalle Bayreuth

Idee und Wirklichkeit klaffen auseinander: Wo, wenn nicht in Bayreuth sollten zum 200. Geburtstag von Richard Wagner alle Bühnenwerke des Meisters zur Aufführung kommen? Nur hat der selber verfügt, dass einzig der Kanon vom Fliegenden Holländer bis Parsifal im Festspielhaus aufgeführt werden darf. Und das Ausweichquartier Oberfrankenhalle besitzt deutliche Mankos: kein Orchestergraben; ein zwar Cinemascope-breites, aber nur etwa acht Meter tiefes Bühnenpodest; keine Hinterbühne, Platz nur für einige Seitenkulissen; Klang- und Lichttechnik unter Stadttheaterniveau.


Die begrenzte Bühne hemmt, beflügelt aber auch


Regisseur Matthias von Stegmann und sein Bühnenteam standen also bei Rienzi, Wagners Grand-Opéra-Versuch von 1842, vor kaum lösbaren Problemen. Die planenden Wagner-Damen mitsamt der BF Medien GmbH hätten jedoch erkennen müssen, dass nur eine Personenregie auf dem Niveau Guth-Loy-Haneke den Abend hätte retten können. Davon war aber nichts zu sehen. Einiger Trost kam vom Leipziger Gewandhausorchester in voller Besetzung: ein Spitzenorchester. Wagners frühe Beherrschung von vordergründigen Effekten über anrührende Beseelung weiter zur grandiosen Überwältigung war zu hören – was Christian Thielemann sehr differenziert, aber nicht wirklich packend dirigierte.
Wechselbad am Folgeabend: Begrenzte Möglichkeiten können dramaturgisch hochintelligente szenische Phantasie freisetzen. Der erst 23-jährige Kapellmeister Richard Wagner hat sich in seinem zweiten abendfüllenden Werk 1836 für die ganze „freizügig aufrührerische“ Literatur des „jungen Deutschland“ begeistert: Der deutsche Statthalter Friedrich erlässt in Palermo ein Karneval- und Liebesverbot, verliebt sich prompt aber selbst so leidenschaftlich, dass er sein eigenes Gesetz bricht. Letztlich werden alle liderlichen oder amtsfixierten Männer von lauter lebensklug witzigen, doch auch liebenden Frauen, die sich kurz als Novizinnen ins Kloster geflüchtet haben, zu „Liebe und Lust“ bekehrt – all dies vollmundig, gelegentlich nahe italienischen wie deutschen Singspielkomponisten-Kollegen ausgesungen. Doch klingt es 1836 auch schon mal nach Tannhäuser oder Lohengrin. Das machte der Dirigent Constantin Trinks mit klarer Zeichengebung und oft klug aufgebauten Wallungen mit dem wieder beeindruckend aufspielenden Leipziger Gewandhausorchester zum musikalischen Vergnügen. Auf der Bühne setzte um den mal tödlich berechnenden, mal hemmungslos lüsternen Statthalter-Karrieristen Bariton Tuomas Pursio ein schon äußerlich staunenswert rollendeckendes Solistenensemble die anspruchsvollen Partien auch vokal erfreulich um. Dazu tanzte und tobte der von Alessandro Zuppardo blendend einstudierte Chor.  Regisseur Aron Stiehl und seinem Bühnenbildner Jürgen Kirner ist Staunenswertes gelungen: Auf der arg begrenzten Bühne hatten sie mit zwei großen, schwenkbaren Wandteilen drei Lebenswelten realisiert – einen malerisch üppigen Urwald für karnevaleske Ausschweifung, ein aus durchnummerierten Aktenschubern gebildetes Herrschaftszentrum und kühle, leere Wände mit einem Lichtkreuz für die Klosterwelt. Darin führte Stiehl typengenaue und immer wieder witzige Personenregie vor. All das fügte sich zu einem höchst unterhaltsamen musikalischen Komödien-Abend.

Bravos und stürmender Beifall für "Die Feen"


Letzter Hemmschuh in der Planung: Die aufwändige Zauberoper Die Feen gab es nur konzertant in der Halle, wenn auch von Chor und Orchester aus dem Leipziger Gewandhaus unter dem dortigen Opernchef Ulf Schirmer. Der Musikfreund konnte so über Rienzi und Liebesverbot gleichsam rückwärts erhören, wie dieser Zwanzigjährige die Opernwelt erobern wollte – und das immer von den gleichen Klangkörpern. Inhaltlich wollte der junge Richard 1832/33 als sein eigener Textdichter letztlich schon „alles“: So belastet die Liebe von Königssohn Arindal zur zauberisch rätselhaften Fee Ada ein „Frageverbot“ (Lohengrin grüßt). Als Arindal angesichts leidvoller Prüfungen Ada verflucht, bricht weiteres Unglück herein (der Fluch des Fliegenden Holländer folgt sieben Jahre später). Die aufgrund ihrer allzu menschlichen Liebe versteinerte Ada kann der wahnsinnig gewordene Arindal erlösen (ein zentrales Wagner-Motiv bis zum Parsifal). Er erweicht durch seinen Gesang den Stein, gewinnt die Liebste – die Kunst triumphiert also über allem (Walthers Preislied in den Meistersingern; Orpheus bis Zauberflöte nicht zu vergessen).
Musikdramatisch war der Lorbeer des Abends dem von Alessandro Zuppardo abermals präzise einstudierten Chor und dem fabelhaft aufspielenden Gewandhausorchester zu reichen. Stellvertretend sei nur die zauberhaft schwebende Soloflöte von Katalin Stefula genannt. Und Mathias Müller an der Pauke, der fast alles zu beschwören, begleiten und zu übertrumpfen hatte: Aufmarsch, Kriegslärm, Geisterbedrohung und düstere Verzweiflung, die sich in fulminanten Jubel auflöst. Ulf Schirmer beeindruckte im Dirigenten-Trio der drei Frühwerke am meisten: heftige, emotional ausstrahlende Gestik, aber eben kein Herumwedler zwischen Crescendo, Blech-Stakkato oder Pauken-Donnerschlag. Bravos und stürmischer Beifall. (Wolf-Dieter Peter)

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