Kultur

Die Stimmen von 100 Augsburgern hält dieses Kunst-Herz von Jaume Plensa am Leben. (Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg)

22.08.2014

Was die Stadt pulsieren lässt

An drei Orten zeigt Augsburg spektakuläre Arbeiten des Bildhauers Jaume Plensa

Ein überdimensioniertes Herz in einem riesigen, dunklen Kessel: Ist der ein Schutzbunker oder eine Gefängniszelle? Es lebt, dieses leuchtende Gebilde mit seinem blauen und roten Gefäßbahnen, auch wenn diese keine Verbindung mit der stählernen Hülle zu haben scheinen. Gespeist wird dieses Herz von etwas ganz anderem: Rein organisch gesehen, von einströmender Luft, damit es nicht zusammenfällt. Immateriell von Stimmen: Sie zählen von eins bis 60 im Sekundentakt. 100 Augsburger haben sich dafür ans Mikrofon gesetzt – für die Seele, die doch dem Herzen innewohnen soll?

Symbolische Fingerzeige

Im Gaskessel wurde einst materielle Energie bevorratet, um das Wirtschaftsleben der Schwabenmetropole vor dem Kollaps zu bewahren. Mahnen die Stimmen, dass es in Wirklichkeit die Menschen sind, die ihre Stadt am Leben erhalten? Und dass Kunst ihr Brennstoff ist? Genau dort, auf dem Gelände des stillgelegten Gaswerks im Stadtteil Oberhausen wird vielleicht einmal, so die Überlegungen, ein neues Kulturzentrum entstehen. Dessen Herz könnte der 80 Meter hohe Gaskessel sein, in dem momentan Jaume Plensas Installation Secret Heart zu sehen ist – bei freiem Eintritt übrigens: Auch das ein symbolischer Fingerzeig?
Die Installation des Katalanen lässt regelrecht ein Beziehungsgeflecht entstehen. Aber nicht nur dafür sollte man sich Zeit nehmen: Die Stadt hat dem Künstler (1955 geboren), der auch Bühnendekorationen macht, gleich drei Schauplätze für eine umfassende Ausstellung geöffnet. Auch an den beiden anderen Orten ergeben sich spannende, im wahrsten Sinne des Wortes vielsagende Dialoge zwischen Plensas Skulpturen und dem Raum.
Bringt der verspielte Rokoko im Schaezlerpalais die Sitzfiguren zum „erregten“ Leuchten? Oder konkurrieren sie in ihrem farbigen Wechsellicht mit dem historischen Farbenrausch des Festsaals? In der nüchternen Weite einer ehemaligen Fabrikhalle wiederum sieht man Skulpturen, die aus Buchstaben zusammengehalten werden: Wie geheimnisvolle Gitterkonstruktionen, die dechiffriert werden wollen. Wer den Code knackt: Erzählen dem die Gebilde dann von den Menschen, die dort in der ehemaligen Textilfabrik arbeiteten?
Mehr Plensa in Bayern
Mensch – Zeit – Raum manifestieren sich engverwoben und subtil in Jaume Plensas Arbeiten. Und irgendwie gehört da gerade auch dazu, dass sich der Ausstellungsbesucher für diese dreiteilige Schau quer durch Augsburg bewegen muss. Plensas initiiertes Beziehungsgeflecht lässt sich hervorragend weiterspinnen – auch über Augsburg hinaus. In Bamberg forderten im Rahmen der Serie mit Großplastiken im öffentlichen Raum 2012 seine Eight Poets bereits zum Dialog heraus – man wünscht sich mehr Plensa in Bayern. (Karin Dütsch)


Bis 21. September. Gaskessel, August-Wessels-Straße 30, 86156 Augsburg; Schaezlerpalais, Maximilianstraße 48, 86150 Augsburg; H2, Beim Glaspalast 1, 86153 Augsburg. Jeweils Di. bis So. 10 – 17 Uhr. www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
Zur Ausstellung erschien ein hervorragend bebildertes Katalogbuch (Kerber Verlag, 176 Seiten, 44 Euro).

Abbildung:
Als das Gaswerk Augsburg 1915 in Betrieb ging, galt die Anlage als städtebaulich schönste in Deutschland. Im dunklen Gaskessel schlägt derzeit Jaume Plensas Kunst-Herz. Wird auf dem Areal auch bald ein neues Kulturzentrum entstehen? (Foto: Kunstsammlungen und Museen Augsburg)

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