Kultur

Ideale Kulisse für Gefechtsszenen: der Geschützboden in der Rothenburger Spitalbastei ist mit Karren befahrbar. (Foto: Reichold)

07.01.2011

Was Harry Potter entgangen ist

Mit dem FilmFernsehFonds Bayern auf "Location Tour" in Rothenburg ob der Tauber

Eine rund 3,5 Kilometer lange Stadtmauer mit 29 Türmen und sechs großen Toranlagen, eine Hauptkirche mit himmelhohem Gewölbe im Stil der großen abendländischen Kathedralen, ein imposantes Rathaus mit prächtiger Renaissance-Fassade: Auf den ersten Blick erzählen sie von Rothenburgs stolzer Vergangenheit. Heute zählt die einstige Reichsstadt zwar nur 11 000 Einwohner. Dafür gilt das fast vollständig erhaltene Architekturjuwel mit seinen verwinkelten Gassen und malerischen Fachwerkhäusern als Inbegriff deutscher Romantik.
Wenn wie jetzt die weiße Pracht dazukommt, meint man, ein Wintermärchen zu erleben: Die überzuckerten Weinberge von Albert Thürauf am Abhang zur Tauber, das wirbelnde Flockenspiel vor dem nächtlich beleuchteten Burgtor – Kitsch ist eben nicht zwangsläufig „der unverfälschte Ausdruck des Verfalls aller Kultur“, wie einst Adorno murrte. Kitsch kann auch ein bezauberndes Postkartenidyll sein, in das man lustvoll eintauchen möchte.
Diesem Drang geben in Rothenburg jedes Jahr mehr als zwei Millionen Besucher aus aller Herren Länder nach. Sie schlendern über die Judengasse mit der Mikwe aus der Zeit um 1410, bewundern die Kunstuhr am Giebel der Ratsherrntrinkstube und lassen sich dazu einen Schneeballen schmecken – ein ortstypisches, kanonenkugelartiges Gebäck.
Bei den Touristen soll es nicht bleiben. In Zusammenarbeit mit dem FilmFernsehFonds Bayern (FFF) möchte die Stadt Rothenburg in Zukunft vermehrt auch Filmteams an die Tauber locken. Diesem Unterfangen diente die jüngste „Location Tour“ des FFF, bei der rund 50 Aufnahme- und Herstellungsleiter, Autoren, Produzenten, Redakteure und Regisseure auf den Spuren des Mittelalters und der frühen Neuzeit durch Rothenburg wandelten. Veranstaltungen wie diese dienen der Stärkung des Medienstandorts Bayern.
Der FFF, dessen Gesellschafter der Freistaat, die Landeszentrale für neue Medien, der Bayerische Rundfunk, ProSiebenSat.1, RTL und das ZDF sind, gibt pro Jahr rund 27 Millionen Euro aus, größtenteils in Form „bedingt rückzahlbarer Darlehen“. Damit soll sichergestellt werden, dass die weiß-blaue Film- und Fernsehlandschaft auch weiterhin prosperiert. Gefördert wird alles, was zum Gewerbe gehört, insbesondere die Entwicklung von Drehbüchern, die Produktion und der Vertrieb. Es gibt allerdings eine Bedingung: Der „Bayern-Effekt“ muss eingehalten werden. Das heißt: Wer eine Produktionsförderung beantragt, verpflichtet sich gleichzeitig, mindestens das 1,5-fache des Förderbetrages in Bayern auszugeben. Im besten Fall profitieren alle Beteiligten: Der Produzent bekommt Geld, dafür bleibt die Produktion im Land.
Die Botschaft des FFF lautet also gewissermaßen: Warum denn in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.

Fränkisches Jerusalem

In Rothenburg wirkt dieser Ansatz höchst überzeugend. Ein Spaziergang über das unregelmäßige Steinpflaster ist ein Ausflug in längst vergangene Zeiten. Seine größte Blüte erlebte das „Fränkische Jerusalem“ (so genannt wegen der Lage hoch über dem Taubertal) um 1400. Sein Territorium war größer als mancher Staat, der heute selbstständiges Mitglied der Vereinten Nationen ist. Die Wirtschaft pulsierte. Entlang des Flusses klapperten die Mühlen. Dinkel, Hafer und Roggen waren die Hauptexportgüter. Das Umland, die „Kornkammer Frankens“, belieferte Freund wie Feind. Und dank des Fernhandels fand der Wein aus Rothenburg sogar in den Niederlanden reißenden Absatz.
Der Niedergang der Stadt hatte längst eingesetzt, als Tilly, der gefürchtete Feldherr, im Dreißigjährigen Krieg mit 60 000 Kriegsknechten vor den Mauern stand und Rothenburg einnahm. Dass die Stadt anschließend in einen jahrhundertelangen Dornröschenschlaf der Bedeutungslosigkeit fiel, ist – aus Sicht heutiger Filmleute– ein Glücksfall. Denn weil auch der industrielle Aufschwung der Gründerzeit einen großen Bogen um Rothenburg machte, hat sich das Bild der Stadt seit der frühen Neuzeit kaum verändert.
So kommt es, dass Gästeführer Lothar Schmidt bei der „Location Tour“ des FFF nicht nur Wehrbauten wie die St.-Wolfgangs-Kirche mit ihren Kasematten oder die Spitalbastei mit ihrem trutzigen Geschützboden zeigen konnte, sondern auch das „Staatsverlies“ tief unter dem Rathaus, wo die Stadt 1408 ihren eigenen Bürgermeister verhungern ließ. Auch das Reichsstadtmuseum, ein ehemaliges Frauenkloster, birgt eine Überraschung: Das Holz für die Deckenbalken der alten Küche im Erdgeschoss wurde laut dendrochronologischen Untersuchungen im Jahr 1265 geschlagen. Damit dürfte es sich um eine der ältesten Küchen in Deutschland handeln.
Man hätte bei dieser FFF-Besichtigungstour noch vieles anschauen können: Die Jakobskirche mit ihrem beeindruckenden Dachstuhl und dem berühmten Riemenschneider-Altar, das wohnturmartige Toppler-Schlösschen aus dem Jahr 1388, die mittelalterliche Doppelbrücke über die Tauber oder die gotischen Hinterhöfe entlang der Herrngasse. Schade, dass die Kleiderkammer des Historischen „Meistertrunk“-Festspiels und der Requisitenfundus mit dem barocken Wagenpark beim Rundgang für die Filmschaffenden unberücksichtigt blieben.
Dafür gab es eine kurze Begegnung mit Karl-Heinz Schneider, dem Direktor des Rothenburger Kriminalmuseums, das die wohl bedeutendste rechtskundliche Sammlung Europas besitzt. Außerdem versprach Oberbürgermeister Walter Hartl, jede Film- oder Fernsehproduktion nach Kräften zu unterstützen. Die Bürger seien es gewohnt, dass Straßenzüge wegen Dreharbeiten gesperrt werden müssten, und schlüpften gerne als Statisten in historische Gewänder. Allerdings wünsche man sich schon, dass Rothenburg im fertigen Film dann auch erkennbar sei, wie etwa im legendären Heimatfilm Die Christel von der Post (1956).
Diesbezüglich gab es jüngst eine herbe Enttäuschung. Für den ersten Teil von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, der seit November in den deutschen Kinos läuft, kreiste tagelang ein Hubschrauber der Produktionsgesellschaft über den Dächern. Noch aber konnte kein Rothenburger eine heimisch anmutende Szene im Film ausmachen. Sollte man auf den zweiten Teil hoffen? Möglicherweise würde man dann Konkreteres als erstes beim FilmFernsehFonds erfahren, wenn dort ein Antrag auf Förderung in „Sachen Harry Potter“ einginge. Das wäre dann natürlich ein spektakulärer Bayern- bzw. Rothenburg-Effekt! (Klaus Reichold, Thomas Endl)

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