Kultur

Der gebürtige Steirer Nikolaus Bachler ist seit 2008 Intendant der Bayerischen Staatsoper. (Foto: Kaufmann)

10.12.2010

"Weihnachten spielt für mich keine Rolle"

Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler über das Engagement von "Skandalregisseur" Calixto Bieito

Mit Calixto Bieito debütiert am 21. Dezember ein Regisseur an der Bayerischen Staatsoper, der für blutrünstige und sexlastige Bilder bekannt ist. In Stuttgart hat der Katalane zuletzt mit Wagners Parsifal für Wirbel gesorgt, in Mün- chen deutet er nun Beethovens Fidelio. Intendant Nikolaus Bachler verrät, was er sich davon verspricht.

BSZ: Herr Bachler, ist es für München nicht peinlich, dass Bieito hier noch nie inszeniert hat?
BACHLER: Wo steht denn geschrieben, dass in München alle Regisseure vertreten sein müssen? Wer wann wo auftaucht, ist fast schon Schicksal. Von Bedeutung ist nur, dass im richtigen Moment das Richtige geschieht. Theater ist ein Gegenwartsmedium, und man kann zugespitzt sagen, dass nur interessant ist, was heute Abend passiert. Mir erschien für diesen Moment Fidelio mit Bieito das richtige Projekt für München.

BSZ: Trotzdem ist Bieito andernorts schon Schnee von gestern.
BACHLER: „Schnee von gestern“ gibt es nicht in der Kunst. Wir machen hier nicht „Deutschland sucht den Superstar“. In der Kunst zählt nur: Hat man etwas zu sagen? Das hat man gestern, heute, morgen oder nie.

BSZ: Warum betonen Sie dann gerne, dass Sie für die Erneuerung stünden?
BACHLER: Neue Impulse kommen in der Kunst nicht wie im Sport durch das Engagement von irgendwelchen neuen Sportlern. Sie kommen immer nur aus der Arbeit heraus. In den zwei Jahren, seitdem ich in München bin, haben hier vier oder fünf Regisseure gearbeitet, die noch nie eine Oper inszeniert hatten. Aber das an sich ist noch kein Qualitätskriterium. Den sportlich-olympischen Bewerbungsgeist lehne ich ab.

BSZ: Sondern?
BACHLER: Das wirklich Wichtige ist der musiktheatralische Anspruch. Es muss eine Grundhaltung zur Oper erkennbar sein, die die Werke immer wieder neu befragt. Das verstehe ich unter Erneuerung. Die Oper gehört im Kernrepertoire der Vergangenheit an. Deshalb hat sie meiner Meinung nach nur eine Legitimation, wenn die Werke aus der Gegenwart heraus befragt werden. Da kommen bestimmte Personen infrage, die mich interessieren. Bieito zählt dazu.

BSZ: Warum?
BACHLER: Weil mir zunächst einmal der emotionale Zugang mehr zusagt als der didaktisch-intellektuelle. Außerdem denkt Bieito unglaublich musikalisch, und für die Stadt ist er eben auch neu.


BSZ Einen Skandalregisseur kurz vor Weihnachten nach München zu holen ist schon eigenartig.
BACHLER: Weihnachten spielt in meinem Leben keine Rolle, auch Ostern nicht. Für mich bedeutet das eher: Aha, da sind viele Leute in den Schulferien. Die Idee hatte ich vor drei Jahren, und das Projekt passte zur Abfolge des aktuellen Spielplans. Wir haben mit Antonín Dvoráks Rusalka begonnen und wollten danach Fidelio machen. Am Ende der Saison kommt Saint François d’Assise von Olivier Messiaen. Dieser Dreisprung begründet das Spielzeitthema „unfrei frei“ und ist dramaturgisch interessant.

BSZ: Weshalb?
BACHLER: Weil Rusalka uns eine psychologisch innere Gefangenschaft zeigt, und Fidelio wiederum die äußere Gefangenschaft und innere Psychologie eines Menschen. In Saint François d’Assise wird schließlich eine spirituelle Befreiung thematisiert. Dieser geistige und innere Zusammenhang war für uns entscheidend, dann muss man für alle Beteiligten die richtigen Termine finden.

BSZ: Selbst wenn der Theaterskandal den Weihnachtsfrieden stört?.
BACHLER: Dieser Fidelio wird nicht in die Skandalisierung gehen, sondern in die Psychologie. Bieito interessiert das unglaublich labyrinthische Gebilde von Beziehungen, Abhängigkeiten, Sehnsüchten und Verwicklungen in dieser Oper. Man verbindet Fidelio immer zuvorderst mit Gefangenschaft, Unterdrückung und Totalitarismus, aber in Fidelio ist nahezu jeder in jeden verliebt. Es ist fast ein Sommernachtstraum der Liebesgefühle. (Interview: Marco Frei)

 

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