Kultur

Schräge Western-Atmosphäre: Kristof Van Boven und Sandra Hüller. (Foto: Blievernicht)

22.11.2013

Wenn die Obsttorte an Bord geht

Uraufführung von René Polleschs "Gasoline Bill"

Schon der bunte Glitzervorhang, der ans Pariser Moulin Rouge erinnert, weckt Erwartungen. Und die werden nicht enttäuscht in René Polleschs jüngstem Werk Gasoline Bill, das an den Kammerspielen zur Uraufführung kam: Da sieht man einen halbierten Western-Saloon mit der Aufschrift „Last Chance“ und Matratzenlager, auf dem die hochpräsenten Akteure in Cowboyklamotten (Katja Bürkle, Sandra Hüller, Benny Claessens, Kristof Van Boven) übereinanderkugeln, während sie verkünden „dieses undurchdringliche Subjekt ist in jedem präsent“. Aha.
Da hat René Pollesch also grade noch die „Last Chance“ ergriffen. Sein grelles Antitheater mit Theoriegebrabbel, anfangs Avantgarde, dann „Kult“, lief Gefahr, durch die Wiederholung des immergleichen Musters in Manier zu erstarren. Gasoline Bill hingegen fällt unerwartet süffig aus. Denn der Berliner Autor und Regisseur hat seine kratzige Widerborsten-Ästhetik abgeschliffen und diesmal eine flotte Revue inszeniert, ein saukomisches Diskurs-Varieté quasi: Da wird der drehbare Saloon zur kreisenden Gebetsmühle umfunktioniert – oder zum Schiff: „Obsttorten an Steuerbord“ kräht Katja Bürkle, ehe in einem „Kurzzusammenfassungswettbewerb“ Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit in 15 Sekunden erzählt werden soll. „Das war so toxisch!“, kreischt Sandra Hüller, was ungefähr soviel bedeutet wie „ätzend“, und am Schluss wird auch noch Max Weber mitverwurstet, der den Kapitalismus als Folge des Calvinismus sah.
Natürlich gilt nach wie vor: Die Schauspieler spielen hier nicht Theater, sondern sie spielen Theaterspielen. Aber diese Verweigerungsästhetik wird jetzt fruchtbar gemacht, indem Pollesch sie zu einer Art Meta-Kabarett ummodelt. Wenn die Akteure beim Disco-Tanzkurs vom Videoband linkisch zuckend die Bewegungen der Tanzlehrer imitieren, dann ist das auch deshalb eine der witzigsten Szenen des Abends, weil da das Pollesch-Prinzip der Imitation der Imitation sich selbst imitiert und damit auf den Arm nimmt. Durch den Kunstgriff der Selbstironie hat Pollesch das letzte normative Korsett abgeworfen und ist angekommen: Beim transzendentalen Boulevardtheater, das ebenso irrwitzig unterhaltsam wie befreiend kulinarisch wirkt. - Und zudem mit einer bestechenden Erklärung dafür aufwartet, dass Theaterbesucher in Gedanken gern abschweifen: „Weil die Last ihrer Emotionen von den Schauspielern übernommen wurde“, die auf der Bühne Gefühle darstellen, könnten die Zuschauer ganz befreit an was anderes denken. Und wenn dabei was Gutes rauskomme, habe eine Aufführung schon ihren Zweck erfüllt, erfahren wir. – Quod erat demonstrandum. (Alexander Altmann)

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