Kultur

Die Leichtigkeit des Seins, die Commedia dell’Arte-Typen so herrlich verkörpern, hat schnell ihr Ende, wenn der Tod auch ihnen das Stundenglas vorhält. Die Illustration (1814/15) stammt von Thomas Rowlandson. (Foto: Diözesanmuseum)

21.10.2011

Wenn die Uhr abläuft

"Vom Ende der Zeit": Faszinierende Totentanz-Ausstellung in Bambergs Domkreuzgang

Für das Thema Totentanz scheint es keinen idealeren Ort zu geben als Bamberg. Die Darstellungen des Todes samt seiner Aufforderung zum Mitgehen haben in der Bischofsstadt eine lange Tradition, die in Hugo von Trimbergs dort verfasster Schrift Der Renner ihren hochmittelalterlichen Höhepunkt findet. Auch Johann von Tepls berühmter Ackermann, der 1463, also kurz nach der Erfindung des Buchdrucks, von Albrecht Pfister in Bamberg verlegt wurde, gehört mit seinen Holzschnitten zu den zahlreichen Facetten dieses Themas. Einige der Bischofsgräber im Dom könnte man ebenfalls darunter rubrizieren, vor allem aber den um 1730 entstandenen Totentanz-Zyklus, der als Stuckrelief die Decke der Heilig-Grab-Kapelle des ehemaligen Klosters Michaelsberg dominiert.
Angesichts solcher Präsenz der „Art macabre“ verwundert es kaum, dass 1999 gleich die ganze Stadt für zehn Tage unter das Kulturmotto „Totentanz“ gestellt wurde und 2006 gar die Europäische Totentanz-Vereinigung ihren Sitz nach Bamberg verlegte.
Die Ausstellung unter dem Titel Vom Ende der Zeit, die derzeit in der dafür ideal geeigneten Aura des Domkreuzgangs zu sehen ist, verdankt sich der emsigen Sammlerarbeit Richard M. Mayers. Was er zum Totentanz im Wandel der Geschichte zusammengetragen hat, spannt zeitlich den Bogen vom Spätmittelalter bis ins 21. Jahrhundert und erweitert das Thema inhaltlich um jene Aspekte, die den Wandel des Bildes vom Tod und seinem Auftreten gegenüber dem Menschen im zurückliegenden Halbjahrtausend beleuchten.

Schicksalhafte Gleichheit

In der Blütezeit der Gattung im 15. und 16. Jahrhundert., zum Beispiel bei Hans Holbein d.J., ist der Totentanz die grafische Darstellung eines Reigens, in dem der Tod Menschen jeden Alters und jeden Standes tanzend fortführt – oft überraschend inmitten charakteristischer Alltagssituationen.
Leitmotiv ist also die Idee von der schicksalhaften Gleichheit vor dem Tod: Ob Kaiser oder Kardinal, ob Ritter oder Mönch, ob Edelfrau oder Nonne, ob Handwerksmeister oder Landmann – der Tod greift zu, bei den Ungerechten wie bei den Gerechten, ohne Ansehen der Person.
In Alfred Rethels Bilderfolge aus dem 19. Jahrhundert findet sich eine fatale ironische Variante des Gleichheitsgedankens, wenn der Tod als Agitator der 1848er-Revolutionäre auftritt und der zeitgenössische Kommentar politisch die Bilanz zog: „Die ihm gefolgt, sie liegen bleich als Brüder alle, frei und gleich.“ Auch die noch etwas ältere Bilderfolge „The English Dance of Death“ des Malers und Karikaturisten Thomas Rowlandson (London 1814/15) instrumentalisiert den Tod gesellschaftskritisch, wenn der in einem Versicherungsbüro vorbeischaut oder einem fetten Bischof das Stundenglas vor die Nase hält. Bedrohlich eng wird es in der Mitte der Sanduhr, wenn er die Spaßvögel der Commedia dell’ Arte besucht.
Großen Raum in der Ausstellung nimmt HAP Grieshabers Parodie auf den um 1440 entstandenen Basler Totentanz ein. Der Zyklus aus dem Jahre 1966 unterzieht die 40 Standesvertreter der spätmittelalterlichen Vorlage einer zeitgemäßen Neugestaltung von beeindruckender Vitalität. Bemerkenswert sind auch die sich von der Uridee des Totentanzes weit entfernenden Beiträge aus dem 20. Jahrhundert, unter anderem von Salvador Dalí, Max Ernst, George Grosz und Joseph Beuys. Als Beispiel eines Kunstwerkes in statu nascendi wird ein Modell der Mastaba von Abu Dhabi gezeigt, an dem das Ehepaar Christo seit 1977 arbeitete. Die Vielfalt der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Tod ergänzt auf faszinierende Weise Manfred E. Scharpfs 2011 entstandenes Ölgemälde Der Hunger in der Fülle: eine tödliche Spiegelung.  (Martin Köhl)

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