Kultur

Skulptur "Sirene mit Fischschwanz" aus der Türkei oder China. (Foto: dpa)

05.05.2015

Wer nicht artig ist, wird gefressen

In Nürnberg sind die Monster los. Das Germanische Nationalmuseum hat den unheimlichen Kreaturen eine ganze Ausstellung gewidmet

Gleich am Eingang ist eine Portion Mut gefragt: Wer die Ausstellung betreten will, muss durch ein fratzenhaftes Tor hindurchlaufen, ein riesiges Maul aus Stein. Es folgt ein verzweigtes, undurchsichtiges Labyrinth. Das Licht ist schummrig. Finster starrt eine Frauengestalt mit weit aufgerissenen Augen und Schlangenhaaren den Besuchern entgegen. Ein leises Flüstern einer verfremdeten Stimme ist von irgendwoher zu hören.
Die neue Sonderausstellung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg ist ganz schön gruselig. Sie dreht sich um Monstermythen -vom Hochmittelalter bis heute. "Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik" lautet der Titel. Zu sehen sind mehr als 200 Gestalten - feuerspeiende Drachen, dämonische Höllentiere, verlorene Seelen und Fabelwesen. Selbstverständlich nur auf Bildern, Wandteppichen, in Büchern, Filmausschnitten und als Skulpturen.

Monströse Abweichung als Bestätigung der göttlichen Allmacht

Ein Gänsehaut-Erlebnis ist es trotzdem: Auf drei großen Bildschirmen wird die "Schönheit des Schreckens" gezeigt. Die Ausstellungsmacher haben die gruseligsten Szenen aus 100 Horrorstreifen aneinandergeschnitten. Anderswo ragt das Horn einer Einhorn-Skulptur bedrohlich weit in den Raum hinein. Nicht weniger gruselig: der sogenannte "Wilde Mann", die Skulptur eines Mannes, dessen Körper komplett behaart ist.
"Monster fesseln uns nicht erst seit Erfindung des Kinos", sagt Generaldirektor Ulrich Großmann. Kurator Johannes Pommeranz ergänzt: "Im Mittelalter gehörten monströse Erscheinungen zur göttlichen Ordnung." Die monströse Abweichung sei eine Bestätigung der göttlichen Allmacht gewesen. "Gott kann sogar das scheinbar Unmögliche erschaffen."  
Viele böse Figuren bevölkerten später die Kinderstuben. Der Kinderfresser etwa trug einen großen Sack mit sich, in den er die unartigen Kinder steckte. Das Motiv fand über Flugblätter - gedacht als Mittel der Erziehung - weite Verbreitung. Motto: "Wenn du nicht artig bist, wirst du gefressen."  
Im 19. Jahrhundert vollzog sich ein Wandel. Romane erschienen, in denen sich die Hauptfiguren den fremden Wesen zu nähern wagten. Der vermeintlich furchterregende Drache wurde zum Freund und Beschützer. Und dann sind da noch die ironisch-satirischen "Monster des Alltags" von Christian Moser aus der heutigen Zeit.
Auch Vampire - Thema unzähliger Kinofilme - fehlen nicht. In Nürnberg sind die Blutsauger auf Plakaten im Wandel der Zeit zu sehen: Von der schrecklichen Kreatur im Schwarz-Weiß-Filmklassiker "Nosferatu" aus dem Jahr 1922 über Sexsymbol Dracula in den 1960er-Jahren bis zu den Vampir-Superhelden aus der Twilight-Saga. (Roland Beck, dpa)

Foto: Die Skulptur "Seele in der Hölle" nach Giovanni Bernardino Azzolino (um 1690); dpa

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