Kultur

Blick ins Pianohaus Rück, vor 1945. (Foto: GNM)

06.04.2018

Wertvolle Lieblingsstücke

Ein Forschungsprojekt am Germanischen Nationalmuseum befasst sich mit der Geschichte der Instrumentensammlung Rück

Das Forschungsprojekt hat einen gehörigen Umfang, für den allein diese zwei Zahlen stehen mögen: 17 000 Briefe, 1000 Korrespondenzpartner. Wie breit das Betrachtungsfeld ist, mag auch verdeutlichen, dass Mozarts eigener Flügel einen von vielen Schwerpunkten bildet. Musikinstrumente sammeln: Die Leidenschaft eines Geschäftsmannes soll über dem Buch in der Reihe „Kulturgeschichtliche Spaziergänge“ des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg (GNM) stehen, das den Abschluss des Projekts im Mai krönen soll.
Gemeint ist die Geschichte des Nürnberger Pianohauses Rück und des Kaufmanns und Sammlers Ulrich Rück. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt, das Dominik von Roth leitet. Die Sammlung Rück bildet den Grundstein der weltberühmten Instrumentensammlung des GNM: mit etwa 50 Prozent des Gesamtbestands von 3000 Objekten.
Die eingangs erwähnten 17 000 Briefe umfassen übrigens nur die Sammlungskorrespondenz – die Geschäftsbriefe sind nicht erhalten. Das Pianohaus Rück ist 2014 endgültig erloschen. Der Mann, um den es als Sammler und Geschäftsmann im Wesentlichen geht, Ulrich Rück, ist 1962 gestorben. Aber die Geschichte, die das Projekt des GNM beleuchtet, geht bis zur Geschäftsgründung 1882 in Nürnberg zurück – eigentlich sogar bis 1880: Damals nämlich hat der im westmittelfränkischen Schillingsfürst geborene Volksschullehrer Wilhelm Rück, Frühpensionist und ein guter Klavierspieler, angefangen, Instrumente zu sammeln und ein Geschäft daraus zu machen: Vermietung von Klavieren verschiedener regionaler Marken, daneben der Verkauf.
Wilhelm konnte seinen Lehrerkollegen günstig Instrumente beschaffen – jeder musste ja ein Instrument spielen – und kassierte damit 15 bis 20 Prozent Kommission. Seine genauso geschäftstüchtige Frau Margarete führte den Laden in der Nürnberger Tafelfeldstraße nach Wilhelms Tod 1912 weiter.
Die Sammlung mit allem, was Wilhelm Rück für sich hatte behalten wollen, wurde immer größer. „Alte Instrumente waren seine Leidenschaft“, sagt Dominik von Roth. Manche Teile wurden freilich auch verkauft, gar en bloc wie die 56 Zithern 1908 nach Köln.
1912 ging alles penibel aufgelistet an die Ehefrau und die beiden Söhne Ulrich und Hans über: Die Sammlung umfasste inzwischen 350 Instrumente aller möglichen Gattungen. Die Streichinstrumente waren auf einer eigenen Liste aufgeführt, darunter Kostbarkeiten wie Geigen des Nürnberger Meisters Widhalm.

Lehrer als wichtige Kunden

Das alles waren in den Inflationsjahren Anfang der 1920er-Jahre auch Sachwerte als Basis für die Entscheidung von 1926/28, das Geschäft weiterzuführen und zu erweitern. Startkapital für die Geschäftserweiterung war der Verkauf von etwa 70 bis 80 Geigen. Lehrer blieben weiterhin Abnehmer und Multiplikatoren. 1927 hatte man mit Bechstein, Ibach, Blüthner und dann Steinway die großen Vier der Klavierherstellung im Angebot.
Dass Dominik von Roth mit seinem Team das alles zwar arbeitsaufwändig, aber zweifelsfrei erforschen und mit vielen Links digitalisieren kann, liegt daran, dass Ulrich Rück (auch wegen einer Handverletzung) alle Korrespondenz sauber mit der Maschine tippte, Durchschläge anfertigte und ablegte: nach Personen, Firmen oder Institutionen chronologisch geordnet. Er sammelte sogar die Antworten von Anbietern und Käufern seiner Sammelobjekte. Aus dem Briefverkehr kann man oft Preisvorstellungen herauslesen, die zeigen, wie sich der Wert der Instrumente entwickelte.
Das ist wichtig für den Sinn des Recherche-Portals, das als Projektzweck die Preisentwicklung für historische Musikinstrumente um den Zweiten Weltkrieg herum darstellen soll. Zum Beispiel für einen Erard-Flügel, auf dem Chopin gespielt haben soll (300 Reichsmark): durchaus kein NS-verdächtiger Zwangsverkauf, der heute unter Rückgabeverpflichtungen fiele, sondern durch eine Stuttgarter Familie, deren Haus und das Musikzimmer dem städtischen Bebauungsplan im Wege stand.
Auf drei Säulen stand das Pianohaus Rück ab Mitte der 1930erJahre, so Dominik von Roth: dem Verkauf neuer Instrumente, im neuen Showroom dazwischen die Sammlungshighlights als „Eyecatcher“, besonders aber auf der Fachkompetenz bei der Restaurierung historischer Instrumente. 1936/37 wurde der Mozart-Flügel restauriert, der heute in Salzburg noch gespielt wird. Die Schlagzeile „Mozart-Hammerflügel spielt wieder“ posaunte Rück in alle Welt hinaus, der Restaurator Otto Marx hatte das Wunder vollbracht: Die alte Substanz wurde dokumentiert, neue Saiten aufgezogen, die alten aufgehoben – ein privat finanzierter Auftrag und für damalige Verhältnisse mit wissenschaftlicher Präzision ausgeführt. Im Nürnberger Rathaus wurde der Flügel (um 1780) aus der Wiener Werkstatt von Gabriel Anton Walter zum ersten Mal wieder gespielt: probehalber, um den Salzburgern die Premiere nicht zu verderben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Rück (sein Bruder Hans war 1940 beim Sturz aus der Straßenbahn in Wien gestorben) guten Gewissens behaupten: „Ich, keiner meiner Mitarbeiter waren je in der Partei“ – aber er kannte viele, die im Dritten Reich etwas zu sagen hatten. Die Bayreuther Festspiele hat Rück jeden Sommer mit 20 bis 30 neuen Flügeln und Klavieren für den Probenbetrieb beliefert: Danach wurden diese Instrumente werbewirksam unter dem Motto „Darauf hat Toscanini gerade gespielt“ und ähnlichen Verweisen verkauft.

Eindeutige Provenienz

Im Fränkischen und auf einer Burg bei Salzburg wurden die Rück-Instrumente im Krieg ausgelagert, danach konnte man den Besitz beim Central Collecting Point in München nachweisen: Das Vermögen war zum zweiten Mal gerettet worden und füllte zwei Waggon-Ladungen.
Natürlich weiß Dominik von Roth auch über die weitere Rück-Nachkriegsgeschichte Bescheid, über den Wert der Sammlung (1,5 Millionen DM), über den Preis, den das GNM mit Unterstützung der VW-Stiftung dann bezahlte (etwa die Hälfte), was Rück in die Stiftung an das GNM einbrachte: Das alles wird man in der Publikation nachlesen können. Auch Ergebnisse aus der internationalen Vernetzung der Nürnberger Instrumentensammlung unter ihrem Leiter Frank P. Bär. Und darüber, dass die Provenienzforschung (Rückgabe an jüdische Vorbesitzer) beim Thema „Rück“ bis jetzt so gut wie keine Rolle gespielt habe: durchaus ungewöhnlich für dieses Kapitel interessanter Sammlungsgeschichte des 20. Jahrhunderts. > uwe mitsching

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