Kultur

Die Männer an der Front – die Frauen sorgen dafür, dass der Nachschub funktioniert: Überwiegend Frauen sind auf diesem Belegschaftsfoto der Lokomotivfabrik Krauss & Comp. zu sehen; im Kriegsjahr 1916 produzierte man dort Munition auf Hochtouren. (Foto: BWA)

28.02.2014

Wie Frau ihren Mann steht

Der Tag der Archive am 8. März fällt heuer zusammen mit dem Internationalen Frauentag – eine Steilvorlage für die Hüter der Depotschätze

Im Ersten Weltkrieg lieferten sich die Gegner eine gigantische Materialschlacht. Neues Kriegsgerät wurde aufgefahren: Eine ganze Armada von Großkampfschiffen stach in See, die ersten Panzer (Mark I) donnerten durchs Feld, Strategien des Luftkriegs wurden erprobt, chemische Waffen erweiterten die Vernichtungsmaschinerie. Und dann noch die konventionellen Munition: Die Hauptmächte sollen während des Krieges über eine Milliarde Granaten hergestellt haben. Die Rüstungsindustrie arbeitete auf Hochtouren. Und in den Hallen schufteten Frauen – auch das war neu an diesem Weltkrieg. Als politische Gleichberechtigung noch in weiter Ferne zu liegen schien (das Frauenwahlrecht wurde in Deutschland erst 1919 eingeführt), begriff ein Teil der Frauenbewegung diese Art des „Wehrdienstes“ als Chance, zu demonstrieren, wie Frauen „ihren Mann“ stehen können. Umgekehrt gewann der pazifistische Flügel der Frauenbewegung an Selbstbewusstsein, engagierte sich offensiv.
Frauen – Männer – Macht ist der diesjährige deutschlandweite Tag der Archive am 8. März überschrieben: Er trifft heuer auf den Internationalen Frauentag. Und dann noch das Erinnern an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren: Diese Steilvorlage lassen sich viele Archive nicht entgehen und bringen Schätze aus Zig-Regalkilometern besonders zu diese Themenspektrum zum Sprechen.

Zähes Ringen

Als Einstieg empfiehlt sich die Ausstellung 1914 – 1918. Der Krieg und die Frauen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in der Münchner Schönfeldstraße. Das benachbarte Staatsarchiv München macht einen Zeitsprung und zeigt biografische Skizzen zu NS-Frauen. In Zwischen Salon und KZ geht es nicht nur um Frauen an der Seite von NS-Machthabern, sondern auch um Frauen, die selbst Macht ausüben konnten – etwa um Ilse Koch, die „Kommandeuse von Buchenwald“. Zur Ausstellung gibt es eine CD mit audiovisuellem Begleitmaterial.
Frau M(m)acht. Weiblichkeit im Betrieb hat das Bayerische Wirtschaftsarchiv in München seine Ausstellung spezifiziert – die Leistung von Frauen fürs Funktionieren der Wirtschaft in Kriegszeiten ist dabei ein Aspekt, die Zeitspanne reicht aber von 1870 bis 1970. Originalfotos, Plakate, Urkunden und sonstige Dokumente bieten viel anschaulichen Stoff für eine Zeitreise unter dem Blickwinkel, wie sich das Frauenbild innerhalb eines Jahrhunderts verändert hat.
Wie zäh sich dieses Ringen um Gleichberechtigung gestaltet, mag man aus der Sonderausstellung des Historischen Vereins bayerischer Genossenschaften herauslesen, die unter der dem Titel Frauen und Genossenschaften im Wirtschaftsarchiv gastiert. Lange Zeit eine „eingeschworene“ Männerdomäne mit traditionellem Rollenverständnis, waren es wohl letztendlich ökonomische Zwänge, dass Genossenschaften auch um Frauen buhlten.
Die Gleichberechtigung der Frauen im Arbeitsalltag birgt bis heute Zündstoff – das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung macht das deutlich. Katholikin und gleichzeitig aktiv in der Frauenbewegung: Das schloss sich schon nicht im 19. Jahrhundert aus, erfährt man im Archiv des Bistums Würzburg.
Dass auch ein Adelsprädikat nicht automatisch ein „Sesam-öffne-Dich“ zu Männerndomänen bedeutet, hat Therese von Bayern (1850 bis 1925) erfahren – der Wittelsbacher Prinzessin widmet die Bayerische Staatsbibliothek eine Sonderschau, die sich im Deutschen Museum dem dortigen Tagesmotto Frauen in Wissenschaft, Technik und Kunst eingliedert. Therese, einzige Tochter des Prinzregenten, besuchte weder ein Gymnasium noch eine Universität, schaffte es aber im Selbststudium zur Wissenschaftlerin. Nicht ohne Murren ging die Verleihung der Ehrendoktorwürde und die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vonstatten – in dem elitären Wissenschaftskreis war und ist sie die einzige Frau, der diese Ehre bislang zuteil wurde. Sie war ein Sprachgenie, Naturwissenschaftlerin, Forschungsreisende und Schriftstellerin – in der Ausstellung ist bislang Unveröffentlichtes aus ihrem Nachlass zu sehen.

Regelrecht abgehoben

Unter anderem um drei andere „Überfliegerinnen“ geht es im Archiv des Deutschen Museums: Wilhelmine Reichard (1788 bis 1848) war die erste Ballonfahrerin, Barga von Etzdorf und Hanna Reitsch berühmte Fliegerinnen. In Vitrinen werden Originaldokumente aus ihren Nachlässen gezeigt, zu Hanna Reitsch gibt es auch Filme, zum Beispiel von ihrem Hubschrauberflug in einer Halle.
Wer meint, dass es Frauen nur in der Wirtschaft und in den Wissenschaften schwer gehabt hätten, Zugang zu finden, wird beim Besuch der Akademie der Bildenden Künste schnell sehen, dass auch die „höheren“ Künste sehr lange die Frauen auf die hinteren Ränge verbannten: Die Akademie nahm erst 1920 Studentinnen offiziell auf, es dauerte weitere 26 Jahre, bis im Kollegium die ersten Professorinnen auftauchten. Die Akademie macht erstmals beim Tag der Archive mit.
Dass Archiv-Material auch allerlei Beziehungsgeschichten erzählen kann, demonstriert das Staatsarchiv Coburg. Im Mittelpunkt stehen Briefe seiner ersten Gattin Anna an Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg, an dessen Geburtstag vor 450 Jahren derzeit erinnert wird. Um das Leben an der Seite eines Fürsten geht es auch im Staatsarchiv Amberg.
Briefe der eigenen Vorfahren hüten in ihrem „Privatarchiv“ auf dem Dachboden oder im Keller bestimmt viele der Zigtausenden von Neugierigen, die am Tag der Archive die staatlichen, kommunalen, kirchlichen oder großen privaten Depots erstürmen.

Kostenlose Lesehilfe

Doch was hat Opa an Oma auf der Feldpostkarte da hingekritzelt? Was steht da über die Urgroßeltern in der alten Hausurkunde? Um was ging es in der städtischen Zahlungsauffoderung von Annodazumal, die in einem Buch aus dem Antiquariat als Lesezeichen steckte? Wer Lesehilfe für seine Fundstücke braucht, bekommt sie vielerorts (zum Beispiel im Bayerischen Hauptstaatsarchiv) am Tag der Archive exklusiv und kostenlos. (Karin Dütsch)

Der deutschlandweite Tag der Archive findet am 8. März statt. Sämtliche Informationen zu den Veranstaltungen, zu Adressen und Öffnungszeiten unter www.tagderarchive.de

Abbildung (Foto: BWA)

Das kann Frau auch: Werbeplakat des Freisinger Traktorenherstellers Schlüter von 1952.

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