Kultur

Die grüblerische Miene von Herzog Albrecht V. (Skulptur in der BSB) passt zur aktuellen Situation: Ereilt diese Einrichtung, die der Wittelsbacher 1558 ins Leben rief, das langsame Sterben? Er leistete sich damals den Ankauf gleich zweier prachtvoller Sammlungen (Widmannstetter/Fugger) – heute muss jeglicher Erwerb alter Bücher eingestellt werden. (Foto: Dütsch)

29.10.2010

"Wir müssen Forschungsliteratur abbestellen"

Generaldirektor Rolf Griebel über die Folgen der aktuellen Haushaltssperre für die Bayerische Staatsbibliothek, die auch die private Wirtschaft zu spüren bekommen wird

In der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) geht’s ans Einge- machte: Von ihrem auf 9,8 Millionen Euro gekürzten Er- werbungsetat muss sie noch einmal 1,4 Millionen Euro ein- sparen – und zwar sofort. Dann sollen die Beamten halt ein paar Bleistifte und PCs weniger bestellen, hat Rolf Griebel schon gelesen. Im Interview erklärt der BSB-Chef, was das neuerliche Minus für sein Haus tatsächlich bedeutet.

 

BSZ: Herr Griebel, welch edler Bleistift liegt denn da vor Ihnen?
Griebel: (irritiert) Den habe ich nicht auf Kosten des Hauses gekauft. Das ist ein Werbegeschenk, von – (dreht den Stift und lacht dann herzlich) – einem Beerdigungsinstitut.

BSZ: Ein Wink des Schicksals? Ist das bezeichnend für Ihre düstere Stimmung? Hat die Bayerische Staatsbibliothek nach über 450 Jahren das Sterben ereilt?
Griebel: Trotz allen Stolzes über laufende Anerkennungen für unsere Arbeit – nein, zu Lachen haben wir zurzeit wahrlich nicht viel. Das Ende der Staatsbibliothek steht natürlich nicht bevor. Aber die neuen Sparbeschlüsse können in der Tat einigen unserer zentralen Aufgabenbereiche sozusagen den tödlichen Stoß versetzen.

BSZ: Da wurde einerseits im Personalbereich die Wiederbesetzungssperre von drei auf sechs Monate angehoben, und dann müssen die Ministerien noch Mittel in barer Münze einsparen. Mit wie viel trifft es denn Ihr Haus?
Griebel: Nach unserem hohen Personalabbau im letzten Jahrzehnt schmerzt zwar die drei Monate längere Besetzungssperre erheblich, aber die Brisanz diesmal ist eindeutig im Sachetat zu sehen. Wir verlieren in unserem Etat auf einen Schlag 1,4 Millionen Euro.

BSZ: Wie viel ist das im Vergleich zum Gesamtetat?
Griebel: 2009 hatten wir 9,8 Millionen Euro zur Verfügung. Wohlgemerkt schon auf der Basis einer Haushaltssperre von 20 Prozent! Wir sind damit am Ende des Jahrzehnts praktisch auf dem Stand von seinem Beginn angelangt.

BSZ: Nominal jedenfalls. Da müssen noch Preissteigerungen eingerechnet werden.
Griebel: Genau. Was uns tatsächlich zu schaffen macht, sind die massiven Preissteigerungen bei wissenschaftlichen Büchern und vor allem Zeitschriften. Da macht bei nominal stagnierendem Etat der Kaufkraftverlust mindestens 30 Prozent aus.

"Jetzt sind wir einfach ratlos, wo wir noch sparen sollen"

BSZ: Sie sind Krisenmanagement gewohnt. Vielleicht haben Sie das ja zu gut bewältigt, so dass das Bild entstanden ist „die können noch mehr?“
Griebel: Die letzten Jahre war unsere hausinterne Politik darauf ausgerichtet, alle möglichen Einsparpotenziale auszureizen. Das beginnt bei der Vergabe von Aufsichtsdiensten an externe Firmen bis hin zur strengen Evaluierung unseres Zeitschriftenbestandes. Auch bei den Monografien haben wir uns eingeschränkt. Jetzt aber haben wir ein Niveau erreicht, auf dem nichts mehr geht, ohne die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit der Staatsbibliothek aufs Spiel zu setzen. Sagen wir es ruhig so: Jetzt sind wir einfach ratlos, wo wir noch sparen sollen.

BSZ: Aber der Auftrag vom 28. September ist auf dem Tisch. Sie müssen sich was einfallen lassen.
Griebel: Das ist ja das Dilemma! Wenn eine solche Sperre nur sechs bis acht Wochen vor Haushaltsschluss kommt, kann man kaum noch reagieren. Wir haben schließlich vertragliche Verpflichtungen. Die durch die zusätzliche Haushaltssperre einzusparende Summe ist durch Zeitschriftenabonnements und Lizenzverträge bereits gebunden. Wir können sie schlicht nicht mehr realisieren. Uns wurde signalisiert, dass es heuer keine weiteren Einschränkungen beim Haushalt geben wird, dass sie jedoch im Haushalt 2011/12 drohen würden. Auf jeden Fall können wir die Sperre nicht erfüllen.

BSZ: Dürfen Sie sich das so einfach machen?
Griebel: Wir machen es uns nicht einfach. Man zwingt uns zu diesem Schritt. Wir haben schon einen Antrag an das Wissenschaftsministerium gestellt, dass wir heuer unseren Etat um diese 1,4 Millionen Euro überziehen müssen. Bei allem, was über 250 000 Euro geht, muss auch der Landtag zustimmen.

BSZ: Dann ist das Problem also nur verschoben?
Griebel: Katastrophal wäre es tatsächlich, wenn mit diesem Negativ-Übertrag unser nächster Haushalt belastet wäre. Wir hoffen deshalb, dass uns zumindest ein Teil davon nicht angerechnet wird. Unabhängig davon kommt es zu tiefgreifenden Einschnitten.

BSZ: Wie schaut Ihr Notfallplan aus?
Griebel: Wir haben jeden unserer Posten im Etat unter die Lupe genommen. Als erstes setzen wir bei den Bindearbeiten an. Da werden wir die Ausgaben von 900 000 Euro auf 250 000 Euro reduzieren.

BSZ: Was ist denn so schlimm daran, wenn die Bücher mal nicht gleich einen neuen Einband bekommen?
Griebel: Hier geht es nicht um irgendwelche Luxus-Einbände. Wenn wir Bücher, die nur als Broschur oder Paperback bei uns eintreffen, mehrere Jahre so ausleihen, dann sind sie bald kaputt. Der restauratorische Aufwand, um sie langfristig benutzbar zu machen, würde später wie eine Lawine auf uns zurückfallen. Bei den Zeitschriften müssen wir provisorisch auf Streckmappen zurückgreifen. Das geht bei Zeitungen und bei Musiknoten, die ja auch einen unserer Sammlungsschwerpunkte ausmachen, allerdings nicht so einfach.

BSZ: Weniger Bindearbeiten: Bedeutet das, dass dann andererseits Personalkapazitäten im Haus frei werden?
Griebel: Nein. Denn diese Arbeiten vergeben wir nach außen. Und deshalb schwappen die Probleme infolge der Haushaltssperre auch auf die private Wirtschaft über. Viele unserer Buchbinder haben kleine Betriebe und halten sich vor allem mit unseren Aufträgen über Wasser. Die Aufträge vergeben wir übrigens bewusst nicht nur in München, sondern bis nach Niederbayern. Wir haben zwischenzeitlich schon mit der Innung gesprochen. Auch von dort aus will man sich an die Politik wenden und auf die gravierenden Auswirkungen aufmerksam machen.

BSZ: Sie haben vom tödlichen Stoß bei einigen zentralen Aufgaben der Stabi gesprochen. Wo wäre das denn der Fall?
Griebel: Im Bereich „Antiquaria und Handschriften“. Es ist ohnehin ein Unding, dass wir 2009 nur noch 5,8 Prozent unseres Etats, das sind 572 000 Euro, für den Erwerb alter, historisch wertvoller und oft einzigartiger Werke ausgeben konnten. Da geht es schließlich um unser kulturelles Erbe. Und das für den Freistaat zu sichern, ist ein zentraler Auftrag der Staatsbibliothek.

BSZ: Die Prachtbände von Ottheinrich und den Fuggern haben bei den Auktionen in den letzten Jahren doch mehrere Millionen gekostet. Aus welchem Topf haben Sie die denn bezahlt?
Griebel: Moment, da dürfen Sie etwas nicht verwechseln! Diese singulären Erwerbungen sind maßgeblich aus Drittmitteln bestritten worden.

BSZ: Um wie viel werden Sie jetzt also den Titel „Antiquaria“ kürzen?
Griebel: Wir werden den Erwerb wohl völlig einstellen müssen. Das ist in der jüngeren Geschichte der Bayerischen Staatsbibliothek einmalig und mit Blick auf die Sammlungskontinuität eine Katastrophe.

BSZ: Die Bindearbeiten auf ein Drittel, den Erwerb von Handschriften und alten Drucken auf Null zurückfahren: Das ergibt aber immer noch nicht 1,4 Millionen Euro.
Griebel: Wenn wir diese Posten radikal gekürzt haben, dann müssen wir auch an die Monografien und die Zeitschriften ran. Wir müssen Forschungsliteratur abbestellen. Das ist dann kein punktueller Eingriff mehr, sondern trifft uns im Herzen. Und zwar, weil unsere so mühsam aufgebaute, landesweit abgestimmte Versorgungsstruktur ins Wanken gerät.

BSZ: Das klingt abstrakt. Was bedeutet das denn?
Griebel: Die Bayerische Staatsbibliothek ist eine Institution nicht nur für München. Sie ist vielmehr zu einem unverzichtbaren Element der Literaturversorgung aller bayerischen Hochschulen ausgebaut worden. Sie ist „last resort“ für viele Werke, das heißt, die Schriften gibt es nur noch bei uns, alle Hochschulen haben aber darauf Zugriff.

BSZ: Apropos Zugriff: Das geht heute doch besonders effektiv auf dem elektronischen Weg.
Griebel: Genau. Als Schlagwort sage ich nur „Bayern-Konsortium“. Das ist ein Zusammenschluss zum Erwerb elektronischer Medien, insbesondere von Zeitschriften. Der funktioniert so, dass die Staatsbibliothek im kooperativen Leistungsverbund mit den Hochschulbibliotheken die Lizenzen für Periodika erwirbt. Der gesamte Verbund kann dann darauf zugreifen. Mit einer so großen Anzahl an Nutzern im Rücken und dank der sehr hohen, laufenden Investitionen der Staatsbibliothek in Zeitschriften und elektronische Medien können wir recht günstige Bedingungen aushandeln. Jede Bibliothek für sich alleine könnte das in dem Umfang gar nicht stemmen.

"Die Bavarica dürfen nicht angetastet werden"

BSZ: Für die maximale Wirtschaftlichkeit dieses Konstrukts, also des kooperativen Leistungsverbunds, wurde die Stabi selbst von der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ im Jahr 2007 als vorbildlich hervorgehoben. Effizienz im Kulturbereich wird nicht so oft gelobt. Und ausgerechnet da setzen Sie jetzt den Rotstift an?
Griebel: Wir wollen nicht, wir müssen. Die Zeitschriften und elektronischen Medien machen einen großen Brocken aus, nämlich 6,2 Millionen Euro von 9,8 Millionen Euro Gesamtetat. Das sind hohe Fixkosten, aber gerade sie sind die Basis des Bayern-Konsortiums schlechthin. Außerdem haben wir überschlagen, dass diese Investition jährlich einen Mehrwert von 15 Millionen Euro für Forschung, Lehre und Studium an den Hochschulen des Freistaats erbringt. Wenn wir da jetzt also rangehen, dann droht das ganze Modell des Bayern-Konsortiums zu kollabieren.

BSZ: Nach welchen Prioritäten werden denn Zeitschriften abbestellt? Trifft es die Geisteswissenschaften mehr als die Naturwissenschaften?
Griebel: Egal, ob Abos von Zeitschriften oder der Erwerb von Monografien: Generell muss ich darauf achten, dass wir unsere Sondersammelgebiete schonen. Da haben wir nämlich durch die DFG-Förderung klare Verpflichtungen. Darüber hinaus dürfen selbstverständlich die Bavarica nicht angetastet werden, und bei den Zeitschriften spielen die Life Sciences eine ganz wichtige Rolle.

BSZ: Neben der ZBMed Köln hat die Bayerische Staatsbibliothek den bedeutendsten Bestand Deutschlands an Zeitschriften zu den Biowissenschaften und zur Medizin.
Griebel: Noch, ja. Aber ich fürchte, wir kommen auch da um Streichungen nicht herum, wenn es 2011 erneut zu Kürzungen in ähnlicher Größenordnung kommt.

BSZ: Das Bayern-Konsortium droht also quasi Konkurs zu gehen. Bedeutet das dann für die Landschaft der bayerischen Wissenschaftsbib-liotheken den Rückfall in die Kleinstaaterei, wo jeder für sich alleine und notfalls nach dem Ellenbogenprinzip auch gegeneinander kämpft?
Griebel: Das kann man so nicht sagen. Der kooperative Leistungsverbund der bayerischen wissenschaftlichen Bibliotheken ist ein Synergiemodell, das ganz wesentlich auf der bewussten Indienstnahme des herausragenden Zeitschriften- und Monografienbestandes der Bayerischen Staatsbibliothek für den Wissenschaftsstandort Bayern insgesamt fußt. Deshalb hat die Bayerische Staatsbibliothek ja auch Aufnahme in das Bayerische Hochschulgesetz gefunden. Mit dem aktuellen Sparkonzept wird dieses Strukturmodell, um das uns andere Bundesländer beneiden, zerschlagen. Dabei kann es nur Verlierer geben.

BSZ: Bei aller Beschwörung des Schulterschlusses: Sie haben noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass Sie die finanzielle Ungleichbehandlung zu den Hochschulen wurmt.
Griebel: Das muss man differenziert sehen. Eine Gleichbehandlung streben wir mit Blick auf die Sperreansätze im Haushalt an. Schon die alte Haushaltssperre hat unterschieden: Die BSB musste 20 Prozent erbringen, die Hochschulen 15 Prozent. Und in der neuerlichen Sperre ist die Differenz nun noch größer geworden. Wir wurden auf 30 Prozent hochkatapultiert, die Hochschulen auf 20 Prozent. Also ist die Differenz von fünf Prozentpunkten auf 10 gestiegen. Insgesamt haben wir jetzt eine Situation, in der die Informationsinfrastruktur hier am Wissenschaftsstandort Bayern massiv in ihrer Leistungsfähigkeit bedroht ist. Auch mit Blick auf die kommenden starken Abiturjahrgänge, die an die Hochschulen drängen, kann das eigentlich ernsthaft niemand wollen.

(Interview: Karin Dütsch)

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