Kultur

Karoline Bär und Thomas Jutzler spielen Constanze und Amadeus exzellent. (Foto: Ingrid Rose)

01.04.2011

Wolfgang als Irrwisch, Constanze als Konstante

"Amadeus" in einer Bamberger Neuinszenierung

Es gibt Gerüchte, die man tunlichst pflegen sollte, weil sie sich blendend verkaufen lassen, mögen sie auch längst widerlegt sein. Dazu gehört zweifelsohne die Mär vom Vergiftungstod Mozarts, der praktischerweise dem großen Wiener Rivalen Antonio Salieri zugeschrieben wurde. Die Indizienkette ist einfach zu erdrückend, als dass man von der schon früh kolportierten Geschichte lassen könnte. Peter Shaffers 1979 in London uraufgeführtes Theaterstück Amadeus fußt wesentlich auf dieser Legende, ebenso der berühmte Film gleichen Titels von Milos Forman, der das herrschende Mozartbild weithin geprägt und in mancherlei Hinsicht verzerrt hat.
Shaffers Stück wurde jetzt in einer sehenswerten Neuinszenierung am E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg gezeigt. Sehenswert nicht etwa aufgrund irgendwelcher Regietaten mit hohem Aufregungskoeffizient, sondern wegen der Fokussierung auf die exzellenten Darsteller der Hauptrollen.

Karge Bühne

Gespielt wurde in historischen Kostümen und vor karger, auf das Notwendigste beschränkter Kulisse. Um so leichter fiel die Konzentration auf die beiden Protagonisten, um so schwerer war allerdings auch die Bürde, die Eckhart Neuberg als Salieri und Thomas Jutzler als Mozart zu tragen hatten.
Während der junge Irrwisch aus Salzburg, der da plötzlich auf die Wiener Bühne purzelt, sich bis zum Schluss treu bleiben durfte, waren vom alternden „Hofcompositeur“, der die Geschichte großenteils aus der Erzählperspektive begleitet, vielfältigere Erscheinungsweisen verlangt. Er muss sich aus dem Jahre 1823 mal eben zurückbeamen in die Ankunftszeit Mozarts inklusive der notwendigen Verjüngungskur um 40 Jahre.
Wenn dann die Szenerie im Wien zu Anfang der achtziger Jahre ausgebreitet wird, erleben wir einen durchaus blutvollen Salieri, der weit mehr ist als nur der Schuft im Stück. Eckhart Neuberg zeichnet ihn als intelligenten Musikus ebenso wie als Intriganten, als philosophisch angehauchten Selbstzweifler ebenso wie als berechnenden Schürzenjäger, der gleichwohl ständig an seine gutkatholische Herkunft und Erziehung in Oberitalien erinnert.
Menschliche Größe lässt Neuberg ihm immer dann attestieren, wenn er die außerordentliche Wirkung von Mozarts Musik ergriffen beschreibt und in seiner Fassungslosigkeit den lieben Gott als Sachwalter einschaltet. „Mozart macht aus Alltäglichem Legenden, ich mache aus Legenden Alltägliches“, lautet sein offenkundig sehr ehrliches Fazit. Wenn er dann zum Schluss gar zum scheinheiligen Freund Mozarts mutiert und, mehr noch, als der Einzige, der dessen Musik wirklich begriffen hat, ist wieder Legendenbildung angesagt.
Die gekonnte Charakterisierung Kaiser Josephs II. (durch Volker J. Ringe) als kulturellen Deppen und in norddeutsch-dialektaler Färbung näselnden Überdrüssling ist problematisch, die Personifizierung der Constanze durch Karoline Bär um so überzeugender: Sie wechselt hinreißend zwischen traurig und narrisch, bleibt aber eine handfeste Konstante in diesem verrückten Leben. Schließlich Thomas Jutzlers Mozart, naiv und ausgeflippt, genial und vulgär, grad so wie man ihn aus den Briefen kennt: fulminant! (Martin Köhl)

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