Kultur

Sammler Rolf Poss interessiert sich dafür, wer seine einstigen Berufskollegen waren, die bei der Bayerischen Bild GmbH im Auftrag der amerikanischen Militärregierung fotografierten. (Foto: Karin Dütsch)

17.12.2013

Zeitreise in die Trümmerlandschaft

Fotografien aus der Sammlung Rolf Poss in der Obersten Baubehörde

"Achten Sie mal nicht so sehr auf das Dargestellte", bittet Rolf Poss, "sondern darauf, wer das Bild gemacht hat, was den Fotografen vielleicht gerade beschäftigt hat, als er die Aufnahme machte. " Das fällt zunächst schwer - sind doch die Motive so überwältigend, dass zum Beispiel Josef Poxleitner eine ganze Weile braucht, bis er wieder im Hier und Jetzt ankommt: "Wenn man sich die Trümmer anschaut und versucht herauszufinden, wo das in München ist, wenn man sich dann den gleichen Ort heute vorstellt ... Das macht schon sehr betroffen. Wenn man andererseits an die Aufbauarbeit denkt, ist das umso bewundernswerter", sagt der Chef der Obersten Baubehörde in München. Dort eröffnete er gestern Abend eine Ausstellung mit 130 Exponaten aus der Sammlung des Fotojournalisten Rolf Poss.

Dieser hatte vor drei Jahren das Archiv der Bayerischen Bild GmbH in einem Antiquariat gekauft: Zwischen 30 000 und 40 000  Negative. In diesem Konvolut interessieren den Sammler vor allem die Aufnahmen aus den Jahren 1945 bis 1950: Damals waren die Agenturfotografen für die amerikanische Militärregierung unterwegs. Und weil sie in deren Auftrag die "Stunde Null" und den Wiederaufbau festhielten, bemühten sie sich um eine weitgehend objektive Sicht: "Heute würde man für die Motive der Trümmerlandschaft wohl ein Weitwinkelobjektiv einsetzen, um mit einem breiten Panorama das Ausmaß der Zerstörung zu betonen", erklärt Rolf Poss. "Und vermutlich würde man auch versuchen, einen dramatischen Wolkenhimmel mit auf das Foto zu bekommen. Das emotionalisiert." Die einstigen Berufskollegen von Rolf Poss haben auf diese "Sprache", auf eigene Interpretationen verzichtet. Gerade deshalb kommen ihre Perspektiven besonders glaubwürdig und "alltäglich" rüber.

Es sind keine künstlerischen Architekturfotografien, sondern Reportagen, die vom Alltag der Menschen damals erzählen: Nicht nur beim Schuttschaufeln, sondern  auch bei der Arbeit in den Betrieben, beim Schaufensterbummel, beim Wettbewerb um die schönsten Beine für Nylonstrümpfe ... Wie haben es die Fotografen nur geschafft, geradezu unbeobachtet die Menschen zu fotografieren? Zum Beispiel bei einer Serie mit Schaufensterbildern: Sie standen im Laden, haben die in die Auslagen lugenden Passanten fotografiert, ohne dass diese das gemerkt haben. Da ist kein "Posing" zu sehen, kein Lächeln für den Fotografen: Nur ungläubiges, bisweilen argwöhnisches oder sehnsüchtiges Staunen, was da nach der Währungsreform auf einmal wieder alles feilgeboten wurde. Svmbolhaft dieses Motiv: Ein Mann zählt das Geld in der geöffneten Börse.

Eine faszinierende Zeitreise - von der sich der Sammler Rolf Poss erhofft, dass ihm Ausstellungsbesucher den einen oder anderen Tipp geben können: Poss erforscht nämlich die Geschichte der Pressefotografie, möchte vor allem mehr über die Arbeitssituation seiner Kollegen von einst erfahren, sie aus der Anonymität des Agenturnamens herausholen.  (Karin Dütsch)

Die Ausstellung dauert bis zum 24. Januar. Oberste Baubehörde, Franz-Josef-Strauß-Ring 4, 80539 München.

Siehe auch die gedruckte Ausgabe der Bayerischen Staatszeitung vom 13. Dezember (Kultur).

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