Kultur

Wie menschlich ist ein Affe, wie tierisch ein Mensch? (Foto: dapd)

26.10.2012

Zivilisierte Rückkehr in die Wildnis

Provokation und heiße Debatten: Eine Tagung über "Das Tier im Menschen" und die Frage der kulturellen Evolution

Grundrechte für Menschenaffen: Dafür setzte sich vehement der Evolutionsbiologe sowie Verhaltens- und Primatenforscher Volker Sommer bei dem Nürnberger Symposion Das Tier im Menschen ein. Wie aktuell diese Forderung ist, zeigt einer dieser Tage durch die Presse bekannt gewordene brisanten Entscheidung des Europäischen Patentamts: Genmanipulierte Primaten, allen voran Schimpansen, deren Immunsystem „humanisiert“, also so weit wie möglich dem des Menschen angepasst wird, können zum Patent angemeldet und damit zur freien Verfügungsmasse für Tierversuche der Pharmaindustrie oder der Medizin werden: der „Patentierte Affe“ (Süddeutsche Zeitung) wird zum Objekt des Menschen.
Ist das Tier ein eigenständiges Lebewesen wie der Mensch oder doch nur dessen Objekt? Genau darum, um das wechselseitige Verhältnis zwischen Mensch und Tier ging es bei der neurowissenschaftlich ausgerichteten Tagung in Nürnberg.
„Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch“ dichtete der Lyriker und Arzt Gottfried Benn (1886 bis 1956) und räumte solcherart gereimt mit den Thesen der Kreationisten auf, die seit Charles Darwin ohnehin fragwürdig sind: dass der Mensch – gleichsam gottgleich, weil von Gott geschaffen – eine Sonderstellung unter den Lebewesen einnehme, an der Spitze der „Schöpfung“ und damit eigentlich auch über der „Natur“ stehe.
Aber schon der allenthalben als Nihilist apostrophierte Friedrich Nietzsche sah das ganz anders, als er lakonisch konstatierte: „In jedem Menschen gibt es ein Tier, das eingesperrt ist wie ein Sträfling, und es gibt eine Tür, und wenn man die einen Spaltbreit öffnet, bricht das Tier aus wie der Sträfling, der den Ausweg gefunden hat“
Das Tier im Menschen hatte der humanistische Nürnberger Verein „Turm der Sinne“ in diesem Jahr sein schon traditionelles Symposion überschrieben und dazu Neurowissenschaftler aller Couleur, vom Biologen, Mediziner, Physiker und Psychologen bis zum Philosophen, Anthropologen und Archäologen ins Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg eingeladen.
Schon der Eröffnungsvortrag „Menschenaffen wie wir“ des Primatologen Volker Sommer lieferte Sprengstoff für heiße Debatten. Ging es ihm doch um nichts Geringeres als den Anthropozentrismus, der im Menschen den Nabel der Welt sieht, Tiere jedweder Spezies aber in ihrer dem Menschen unterlegenen Animalität hintanstellt, also als mehr oder weniger minderwertig einstuft. Dabei, so Sommer, sei die Evolution wertneutral, habe kein Ziel im Sinne eines Rankings der Gattungen, verlaufe vielmehr linear und kenne nur die Vielfalt. Schon gar nicht sei die Natur homolog, also auf den Menschen ausgerichtet, in dem sie sich gleichsam vollende. Und so wie man im „animalischen Erbe“ (Sigmund Freud) des Menschen seine tierische Herkunft empirisch nachweisen kann, so lässt sich im Schimpansen und anderen Primaten der „anthropomorphe Affe“ dingfest machen.
Wie sehr das zutrifft und empirisch belegbar ist, exemplifizierte der Kulturphilosoph Franz Josef Wetz in seinem Vortrag „Lust am Exzess – Drogen, Sex und Clubbing“. Er drehte den Spieß um, fragte nicht nach der Vermenschlichung, der „Anthropomorphisierung des Affen“, sondern kehrte das Animalische im Menschen nach außen: in seinem – vor allem sexuellen – Verhalten, im schrankenlosen Hedonismus, in der „Faszination der Sucht“ , ja selbst in seiner „unbestraften Unmenschlichkeit“, im bestialischen Töten, das der Mensch im Krieg sanktioniert und quasi legalisiert, zeige sich das Tier im Menschen, die „zivilisierte Rückkehr in die Wildnis“. Aber was, so provozierte Wetz, soll an den auf schrankenlosen Sinnesgenuss ausgerichteten „simulierten Ausnahmezuständen“, an der „ekstatischen Selbstentgrenzung“ des heutigen Menschen so schlimm sein, wenn doch „Tanzen statt Töten, Feiern statt Feuern“, also der „Stellvertreter-Exzess“ die letztlich doch harmlosere Alternative sei.
Was macht den Menschen dann aber aus? Wo sind die qualitativen Unterschiede zum Tier, wenn schon die quantitativen genetischen Unterschiede nur minimal, freilich ausschlaggebend sind? Nicht nur eine religiös bzw. christlich orientierte Wissenschaft führt als Kriterien für das Humanum die „Zivilisation“, die „Kultur“, die „Sprache“ und eine differenzierende Kommunikationsfähigkeit ins Feld, um den „evolutionären Humanismus“ der Neurowissenschaften zu entkräften, der im Menschen nur den „gezähmten Affen“ sieht und den „Menschen zur Tierwelt“ (so der Erlanger Philosoph Rudolf Kötter) zählt.
Das entkräfteten dann die Verhaltensforscher, wie die Paläoanthropologin Miriam Noel Haidle, die auch Tieren „kulturelles Verhalten“ zugesteht, von einer „kulturellen Evolution“ spricht und dieser nicht nur eine biologische, sondern auch eine soziale und historische Dimension zuerkennt, was darauf hinausläuft, den Menschen nicht als das, sondern als ein kulturfähiges Wesen zu begreifen, also in eine lange Entwicklungskette des Lebens und der Lebewesen zu stellen und in ihm bestenfalls das letzte Glied zu sehen. Wenn diese Kette der Evolution nicht zerreißt und sich der Mensch nicht als deren buchstäblich „letztes Glied“, als „homo homini lupus“ herausstellt, wie ihn der englische Sozial- und Staatsphilosoph Thomas Hobbes (1588 bis 1679) sah: „Der Mensch ist des Menschen Wolf“. (Friedrich J. Bröder)

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