Kultur

Judith Bohle als Minna. (foto: Nik Schölzel)

22.02.2013

Zur Minna gemacht

Peppige Lessing-Komödie am Theater Augsburg

Große Klassiker – Entstauben ist derzeit angesagt im Augsburger Schauspiel. Kam kürzlich Sartres schwerblütiger Polit-Krimi Die schmutzigen Hände im legeren Boulevard-Outfit daher, so setzt jetzt Anne Lenk mit ihrer saufrechen und närrisch überkandidelten Minna von Barnhelm-Inszenierung noch eins drauf: Lessing geschüttelt, nicht gerührt …
Vor Marc Bausbacks überdimensionalem Rundhorizont, der auch als Folie für groteske Schattenspiele dient, flippert das von Silja Landsberg mit schneeweißen Rokoko-Draperien und leicht verrutschten Silberperücken ausstaffierte Personal der deutschen Vorzeige-Komödie über die Bühne, als wäre es vom letzten Faschingsball oder einer Christopher Street Day-Prozession übrig geblieben. Dabei versickert der Text (nicht immer ist Lessing drin, wo Lessing draufsteht) gelegentlich auf Kosten der Verständlichkeit im Treibsand der Gefühle, um dann mit viel Gekreische und Gebrüll wieder emporzuschießen.
Judith Bohle in der Titelrolle, zuerst in halbwegs verhüllten Dessous, dann mit bocksteif abstehender Krinoline, die als Liebeslaube auch separat aufgestellt werden kann, zieht mal als überspannte Lady Gaga, mal als schmollender Teenie-Vamp und, wenn es sein muss, auch mal als grimmige Drachentöterin alle Register einer listigen, lustigen Weiblichkeit, um ihren knochentrockenen Tellheim von seinem altbackenen Ehrbegriff zu befreien. Lea Sophie Salfeld ist ihr Alter Ego, das putzmuntere Kammerkätzchen Franziska, eine knallbunte und vor Spiellust fast explodierende Figur aus der Junior-Tüte von McDonald’s. Da hat es der meist im Halbdunkel dumpf vor sich hinbrütende Tellheim von Nicholas Reinke schwer, sich zu behaupten. Erst am Schluss darf auch er sich richtig austoben bei dieser turbulent peppigen Slapstick-Orgie.
Aber Charaktere, und dies ist zugleich Markenzeichen und Manko der Inszenierung, sind auch nicht unbedingt gefragt, sondern Karikaturen. So etwa der als gewaltiger Gasballon über die Bretter kugelnde Wirt von Martin Herrmann oder der mit einem Tiefstrahler alles und alle ausleuchtende Wachtmeister Werner von Alexander Darkow. Anton Koelbl als Tellheims treuherziger Bediensteter Just kommt der in Erz gemeißelten Wertewelt Lessings noch am nächsten.
Das Premierenpublikum, und es waren keineswegs nur junge Gesichter zu sehen, fühlte sich von diesem zur Minna gemachten Lessing offensichtlich gut unterhalten und geizte nicht mit Beifall.
(Hanspeter Plocher)

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