Kultur

In Nachdenklichkeit versunkene Erinnerung: Der ehemalige KZ-Häftling David Tennenbaum. (Foto: Renate Niebler)

19.08.2011

Zwischen den Zeiten

Eine außergewöhnliche Fotoausstellung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Ein Ort, wie ein Scharnier zwischen den Zeiten. Als ob durch eine halb geöffnete Tür der Schatten der Vergangenheit auf den Betrachter fiele. Im Halbdunkel Porträts älterer Leute, die eine schreckliche Vergangenheit überstanden, überlebt haben. Sie blicken aufrecht oder in sich gekehrt, oft forsch, manchmal keck – allesamt ein zweites Leben in sich tragend. Sie kommen aus ganz Europa, heißen Mieczyslaw Ciechonski, Jan Pridal, David Tennenbaum und Sergio Peletta. Manche tragen gestreifte Tücher um den Hals geschlungen, die an die Uniformen erinnern, die sie einst im KZ Flossenbürg getragen haben.
In uns der Ort heißt eine Ausstellung im ehemaligen Küchentrakt des Konzentrationslagers: Dort hängen 54 Porträtfotos überlebender Lagerinsassen und Landschaftsaufnahmen der heutigen Gedenkstätte, aufgenommen von Renate Niebler und Beatrice Apel. Dort ist der Ort, wo die Zeiten brüchig werden.
Im Ausstellungsraum selbst ist es ruhig, aber es dringt das bewusst inszenierte Stimmenwirrwarr der benachbarten Dauerausstellung was bleibt herein, als ob hier herin Geister sprächen aus einer längst vergangenen Zeit an einem Ort, wo zwischen 1938 und 1945 30 000 Menschen starben. Zwischen den frei im Raum hängenden Fotografien spaziert der Besucher, spiegelt sich in den Gesichtern hinter Glas und vor den Aufnahmen des heutigen Flossenbürg, als sei er ein in den Ort Hineingefallener, ein Zeitreisender.
Die Ausstellung ist von großer Behutsamkeit und Unaufdringlichkeit, alles auch nur ansatzweise Spektakuläre geht ihr vollends ab. Stattdessen geht es um die Darstellung einer Zeitschicht. Zu sehen ist, wie Menschen und Landschaften sich heute zeigen, zu spüren ist aber auch, wie die Vergangenheit dahinter sich im Verborgenen verbirgt und weiter wirkt.
„Wenn Sie die Bilder ansehen, können Sie nicht erkennen, was diese Menschen erlebt haben“, sagt Niebler. Sie zeigen Leute im Hier und Jetzt. Ihre Porträts in diesem Hier und Jetzt zu betrachten, ist aber auch ein Angebot, sich in die Vergangenheit hineinzudenken, diesen Ort mit seiner schrecklichen Historie in den Porträtierten nachzusuchen, die ihn ihr Leben lang in sich tragen.
Die Porträts in ihrer ruhigen, höflichen Suche nach Individualität und Persönlichkeit sind auch eine starke, wirkmächtige Gegenkraft zur Tendenz des einst vor Ort so grausam wirkenden nationalsozialistischen Totalitarismus, seinen Opfern jede Individualität und Persönlichkeit und damit ihre Geschichte zu rauben. Deshalb bedeutet Erinnerungskultur auch, den einstmals Verfolgten Gesicht und Geschichte zu geben und damit diesen Raub nicht nachträglich noch geschehen zu lassen.
Das unterstreicht die Ausstellung exemplarisch und ist Dokument des Bemühens der Mitarbeiter der Gedenkstätte, durch intensive, weltweite Recherchen eine Datenbank mit möglichst allen Namen derer zu erstellen, die in Flossenbürg und seinen Außenlagern interniert waren.
Mit dieser Ausstellung ist die Erinnerungsarbeit der Gedenkstätte in der Gegenwart angekommen auf der chronologischen Wegstrecke von dem was war, was ist und was bleibt. (Christian Muggenthaler)

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