Kultur

12.03.2010

Zwischen himmlischer und irdischer Liebe

Die Uraufführung des Balletts „Carmina burana“ begeistert das Regensburger Publikum

Wenn sich der halbnackte Mönch in seiner Liebespein windet und jedes Glied seines Körpers verrenkt, dazu höchst ironisch der Falsett-Tenor das Lied vom gebratenen Schwan singt, dann ist das einer der eindrucksvollsten Momente im neuen Ballett von Olaf Schmidt am Theater Regensburg. Aber er ist nur eine Facette in einem vielfältig schillernden Tanztheaterstück, für das die Musik von Carl Orffs "Carmina burana" den musikalisch mitreißenden Hintergrund bildet und den populären Titel abgibt. Denn Olaf und seine Koautorin Christina Schmidt haben mit ihrer bisher besten Produktion ganz anderes im Sinn: Ihr Thema ist "Die Päpstin". Aber nicht nur jene Johanna aus dem 9. Jahrhundert, von der Donna Cross in ihrem historischen, inzwischen verfilmten Roman erzählt, sondern auch die „amerikanische Päpstin“, über die Feministin Esther Vilar 1982 als Zukunftsprojektion für 2035 spekulierte: „Habemus papessam“. Vergangenheit und Zukunft, aktuelle Bezugspunkte von Sexualität in der Kirche bis zur Bischöfin Käßmann werden in Schmidts "Carmina burana" zu einer spannenden Tanz-Geschichte verwoben. Mit einem rot-goldenen römischen Stuhl beginnt die eher beiläufig und mit der in Lackleder gekleideten Silvia van Spronsen, die Vilars Stück schon am Regensburger Theater gespielt hatte. Sie begleitet mit dem Thema „Eine Frau als Päpstin?“ die zwei Akte, auf der Bühne spuckt ein stählerner Kreuzeskäfig das Mädchen Johanna ins Leben hinaus. Zwischen großen, beweglichen Bühnenwänden (düster-drohend von Cornelia Brunn, geschickt beleuchtet von Wanja Ostrower) versucht sie ihr Leben gegen die Konvention zu gestalten. Immer wieder schleppt sie Bücherstapel mit sich, während sich die anderen Mädchen ihres Dorfes mit Waschbrettern abmühen; immer wieder versuchen Nonnen und Mönche sich ihrer zu bemächtigen, lebt sie in Angst vor der Entdeckung. Die Regensburger Aufführung hat mit Julia Leidhold eine schmale, scheu anmutende Tänzerin, die diese Johanna eindrucksvoll und glaubhaft gestaltet, spielt und tanzt. Olaf Schmidt enthält sich einer mittelalterlichen Kostümschau: höchstens effektvoll sich bauschende Kutten, weite Gewänder, ansonsten aber eine sympathische Kargheit, die das eigentliche Anliegen nicht zudeckt, als würde er Fürstenhochzeit spielen lassen. In seinem Ensemble ist man offenbar von der ungewöhnlichen Herausforderung höchst motiviert: Für den Vorrat an klassischem Ballettgestus und moderner Bewegungssprache setzt sich das knappe Dutzend Tänzerinnen und Tänzer vehement ein; ein bisschen vermisst man höchstens perfekte Synchronität oder eine deutlicher abgerundete Formung der einzelnen Szenen. Aber mit forschem Tempo treibt Schmidt seine Geschichte voran, bis Johanna dann doch scheitern muss bei ihrem Versuch, irdische und himmlische Liebe zusammen zu realisieren. Zum donnernden Orffschen „O Fortuna“ muss sie für ihre vergebliche Vision bezahlen. Gegenüber allzu vielen Aufführungen von Orffs Welterfolg bei unzähligen Burgfestspielen und als mittelalterliches Lagerleben erweisen Musik und Text hier in Regensburg ihre Eignung auch als Ballettmusik für ein ganz anderes Stück. Geschickt nützt Olaf Schmidt die mitreißende Rhetorik und Rhythmik, die Lyrik und Ironie des Originals als Motor für seinen eigenen Plot, der gerade in diesen Tagen und weitab von der legendären Emanzipationsstory der Johanna von Ingelheim seine Aktualität hat. Diese Vielschichtigkeit und ihre blendend gelungene Realisierung auf der Bühne begeisterte das Regensburger Uraufführungspublikum.

(Uwe Mitsching)

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