Kultur

Die adelige Musterschülerin wandelte sich zur Provokateurin: Fanny Gräfin zu Reventlow als junge Frau am Strand von Samos. (Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach/Klages-archiv)

25.11.2011

Zwischen Kaffeehaus und Ballsaal

Reventlow-Ausstellung im Münchner Literaturhaus

Nur im Singen hatte sie eine Fünf. Ansonsten stehen lauter Einser und Zweier im Zeugnis der Fanny Gräfin zu Reventlow aus dem Jahr 1886. Aber dass aus der pummeligen Musterschülerin wenige Jahre später nicht nur eine strahlend schöne Frau werden würde, sondern auch eine Rebellin gegen die Konventionen ihres Standes und der Zeit, das war ihr tatsächlich nicht an der Wiege gesungen.
Beispielhaft wird diese Wandlung an einem Foto von 1900 deutlich: Es zeigt die Gräfin nackt am Strand von Samos – ein für die damalige Zeit unerhörtes Bild. Zu sehen ist es jetzt in der Ausstellung Alles möchte ich immer im Münchner Literaturhaus. Anhand beeindruckender historischer Dokumente und Reliquien zeichnet sie das Leben einer Frau nach, die zur Ikone der Schwabinger Bohème um 1900 wurde und wahrscheinlich schon dabei ist, von der historischen Figur zum Mythos zu mutieren.

Familiensilber versetzt

1871 in Husum als Spross eines uralten Adelsgeschlechts geboren, kommt Franziska zu Reventlow 1893 nach München, um ihrem verhassten Herkunftsmilieu zu entfliehen. Sie will Malerin werden, aber ihre beiden einzigen erhaltenen Ölbilder, die in der Ausstellung zu sehen sind, verraten ein eher bescheidenes Talent auf diesem Gebiet. Was sie in München sucht, ist das rauschende Bohème-Leben zwischen Kaffeehaus, Atelier und Maskenball. Die Kehrseite dieser unbürgerlichen Existenz: ständige Geldsorgen. Darum sind vom Familiensilber, das die Gräfin immer wieder versetzt, nur noch sechs Löffel in der Schau zu bewundern. Um etwas zu verdienen, macht sie Übersetzungen – oder lässt sich von Männern bezahlen.
Mit ihrem Schlüsselroman Herrn Dames Aufzeichnungen (1913) trug sie allerdings wesentlich dazu bei, den Mythos Schwabing (das im Buch Wahnmoching heißt) zu etablieren. Hier hat sie die Dichter, Denker und Spinner porträtiert, die das München der Jahrhundertwende zu einem geistigen Zentrum jener Zeit machten – und die wie Planeten um die schöne, extravagante Gräfin, die keine sein wollte, kreisten: Wedekind, Rilke, Klages und Dutzende andere.
Wie so viele Schwabinger Kunst-Gestalten, landete auch die „tolle Gräfin“ schließlich in den esoterischen Lebensreform-Gefilden bei Ascona im Tessin, wo sie 1918 nach einem Fahrrad-Unfall starb.
Als charakteristische Figur bildet die Reventlow gleichwohl den Schlüssel zum Verständnis einer ganzen Epoche: Deren Gemisch aus sexueller Libertinage und Kunstidealismus, aus wirrer Schwärmerei und Kostümfest hat die Wahnmochinger Gräfin nicht nur in Büchern liebevoll-ironisch beschrieben, sondern auch selbst mustergültig verkörpert. (Alexander Altmann)

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