Kultur

Ziwschen realistischen Veduten und Elementen popbunter Comics: "Die Vorführung" (2006) von Neo Rauch. Foto: VG Bild-Kunst

23.04.2010

Zwischen Wahn und Wachen

Wenn das Beklemmende ins Komische kippt: Eine Retrospektive des Malerstars Neo Rauch in der Pinakothek der Moderne

Es ist wie im Traum: Die Details kommen einem seltsam vertraut vor, aber die Gesamtszenerie hat etwas Fremdartig-Rätselhaftes und wirkt untergründig erschreckend. Die Figuren, die Neo Rauch auf seinen Gemälden versammelt, scheinen alle aus unserem kollektiven Reservoir historischer Archetypen zu stammen, aber die Settings, in denen der Leipziger Künstler sie zu gespenstischen Tänzen versammelt, sind beklemmend abseitig und absurd. So wie etwa in dem Bild Vorführung (2006), wo zwischen realistischen Veduten und popbunten Comic-Elementen eine somnambule Tischgesellschaft in obskuren Ritualen erstarrt – überwölbt von einem grellrosa Himmel. Lust und Angst, Überraschung und Déja-vu gehen in diesen Bildern eine so betörende Mischung ein, dass man gebannt vor dem Puppenhaus für Erwachsene steht, das Neo Rauch in seinem genial-abgründigen Werk inszeniert. Wenn seine Arbeiten außerdem zu den teuersten, begehrtesten gehören, zeigt das, dass zumindest gelegentlich doch eine Korrelation zwischen dem Marktwert und dem ästhetischen Rang eines Gegenwartskünstlers besteht. Die Kehrseite der Medaille: Öffentliche Museen können sich Rauch-Bilder praktisch nicht mehr leisten, weshalb die meisten seiner Werke in Privatbesitz (oft in USA) sind. Schon deshalb sollte man unbedingt die Gelegenheit wahrnehmen, einen umfassenden Blick auf diese einzigartigen Schätze zu werfen, die man vielleicht nie mehr zu Gesicht bekommen wird: Neben dem Museum seiner Heimatstadt Leipzig zeigt die Münchner Pinakothek der Moderne unter dem Titel "Begleiter" eine faszinierende Neo-Rauch-Retrospektive – sicher eines der herausragenden Kunst-Ereignisse der letzten Jahre. Schließlich ist es nur würdig und recht, dass einem der weltweit bedeutendsten lebenden Künstler anlässlich seines 50. Geburtstages eine große Doppelausstellung gewidmet wird. Zu sehen sind da einerseits Rauchs frühe Bilder, bevölkert von Rennfahrern, Fliegern oder Jägern, die einem immer ein bisschen wie erwachsen gewordene Erich-Kästner-Figuren vorkommen. Eingefroren im monumentalen Pathos klammer Entlegenheit, stehen sie vor Plattenbauten oder Waldlandschaften wie abgetakelte Helden der sozialistischen Arbeit, in ungelenken Posen erstarrt.

(Alexander Altmann)

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