Landtag

Was kommt nach der Grundschule? Diese Frage beschäftigt bereits manchen ABC-Schützen und seine Eltern am ersten Schultag.(Foto: ddp)

24.09.2010

Auf der Suche nach Bildungsgerechtigkeit

SPD-Landtagsfraktion lässt neuen Schultyp für oberbayerische Gemeinden entwickeln

Hauptschule, Realschule oder Gymnasium? Nicht selten ab dem ersten, spätestens aber zu Beginn des vierten Schuljahrs beschäftigt Schüler und Eltern die Frage, welche weiterführende Bildungseinrichtung die Sprösslinge besuchen sollen. Dass sich im Alter von etwa zehn Jahren der spätere Bildungs- und ein Stück weit auch der Lebensweg entscheidet, sorgt für großen Druck.


In Schleswig-Holstein ist der Schultyp etabliert


Dem wollen die SPD-Landtagsfraktion und die oberbayerischen Gemeinden Denkendorf und Kipfenberg (Landkreis Eichstätt) mittelfristig mit dem Referenzmodell „Regionale Gemeinschaftsschule“ entgegenwirken. Diese sollen Schüler bis zur 10. Klasse besuchen können; den notwendigen Modellantrag wollen die Beteiligten zum Schuljahr 2012/2013 stellen. Den Schülern in beiden Gemeinden droht nach SPD-Aussage momentan nämlich entweder eine Umsiedlung in andere Schulen oder dass Lernende von anderswo herangebracht werden müssen.
Derweil ist Ernst Rösner vom Institut für Schulentwicklung an der Technischen Universität Dortmund mit der Entwicklung besagten Projekts betraut worden. Der Vorsitzende des Beirats Gemeinschaftsschule der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung hat unter anderem in Schleswig-Holstein das Pilotprojekt „Gemeinschaftsschule“ eingeführt und geleitet. In diesem Bundesland ist der Schultyp mittlerweile an 112 Bildungseinrichtungen etabliert.
„Längeres gemeinsames Lernen“ – diese Formel steht hinter der angestrebten Schulart. Diese sollen Mädchen und Jungen von der vierten bis zur zehnten Klasse besuchen können. Ein neuer Schulabschluss wird indes nicht angestrebt. Man will Ausbildungsinhalte aus Haupt-, Realschule und Gymnasium nach den gültigen Lehrplänen integrieren und auch die bislang gängigen Abschlüsse anbieten: Neben dem Quali einen „echten Realschulabschluss“ – keine M-Zug-Prüfung – und den unmitellbaren Durchstieg zur Oberstufe beispielsweise an Gymnasien und Berufliche Oberschule (BOS). „Wir klinken uns nicht aus den Standards aus. Aber der Prozess wird ein anderer sein“, sagt Rösner.
Man möchte Eltern und Schülern die Sicherheit geben, dass erst am Ende des Lernprozesses – in der zehnten Klasse – entschieden werden muss, welcher Abschluss angestrebt wird. Auf diese Weise ließen sich „pubertäre Durchhänger“ ausgleichen ohne dass die Betroffenen die Schule wechseln müssen.
All dies bedeutet jedoch nicht, dass auf Leistung verzichtet wird: Via individueller Förderung sollen vorhandene Begabungsreserven ausgeschöpft werden. Dabei will man möglichst höhere Schulabschlüsse anstreben, nach Rösners Motto: „So wenig Hauptschüler wie möglich, dafür mehr Realschüler.“ Schließlich bewerteten Eltern die möglichen Schulen nach den angebotenen Abschlüssen und lehnten deshalb mehrheitlich die Hauptschule ab.
Offenbar ist höhere Bildung nicht der einzige Grund, weshalb das Modell einer Gemeinschaftsschule entwickelt werden soll. Der allseits zitierte demografische Wandel und infolgedessen die Forderung nach der wohnortnahen Schule scheint genauso ausschlaggebend zu sein: Laut einer Bertelsmann-Studie droht bis 2025 ein – allerdings regional sehr unterschiedlicher – Rückgang der Schülerzahlen: Bis dann soll die Zahl der Zehn- bis 15-Jährigen bayernweit um etwa 18 Prozent sinken; in Landkreisen wie dem oberpfälzischen Tirschenreuth werde diese Altersgruppe sogar bis zu 36 Prozent abnehmen.
Ein hochwertiges Bildungsangebot zählt zum Standortfaktor für Städte und Gemeinden, um junge Familien anzulocken. Dies gewähre den Kommunen Planungssicherheit: Bleiben viele Jugendliche während ihrer Schulzeit vor Ort, sei dies ein Gewinn für alle gesellschaftlichen Gruppen wie Vereine, kommunale Einrichtungen und Kirchen.
Bevor das Projekt in die Modellphase gehen kann, muss es allerdings von der Staatsregierung genehmigt werden. Ob sie dies tun wird – vor allem nachdem sie gerade mit der Mittelschule eine neue Form etabliert hat – ist äußerst fraglich. Dennoch gibt sich Martin Güll, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, optimistisch: „Wir werden den Antrag so ausloten, dass es schwer sein wird, ihn abzulehnen“, sagt er. Genaueres verrät er indes nicht.
Individuelle Förderung statt Einheitsschule, heißt es dagegen aus dem Bayerischen Kultusministerium. „Die Bandbreite der differenzierten Förderangebote des bayerischen Schulwesens würde nach dem SPD-Konzept entfallen“, wird dort argumentiert. Auch in Zukunft werde man auf ein differenziertes Schulwesen setzen. Übersetzt heißt das: Das dreigliedrige System soll aufrecht erhalten bleiben.
Auch die mitregierende FDP – zumindest vor den Landtagswahlen hatte sie sich längeres gemeinsames Lernen auf die Fahne geschrieben – erteilt den Plänen der Sozialdemokraten vorab eine Abfuhr: „Die Gemeinschaftsschule wird von den Eltern nicht gewünscht“, sagt Renate Will, bildungspolitische Sprecherin der Liberalen. Wen wundert es, schließlich befürwortet ihre Partei ein eigenes Schulmodell: die Kooperationsschule. Derzeit gebe es in Bayern 16 Kooperationsmodelle, die eine engere Zusammenarbeit zwischen Real-, Haupt- und Mittelschule erprobten. Damit hätten die Kommunen die Chance Schulstandorte langfristig zu erhalten.
Gemeinschafts-, Mittel- oder Kooperationsschule: Es bleibt spannend, welchen Namen das Kind schlussendlich tragen wird. (Alexandra Kournioti)

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