Landtag

Hat der Skitourismus in den bayerischen Alpen noch eine Zukunft? Das Skigebiet Grasgehren am Riedberger Horn im Dezember 2016. (Foto: dpa)

10.11.2017

Aufbäumen oder umdenken?

Steigende Temperaturen, wachsende Besucherzahlen – wie Naturschutz und Tourismus in den Alpen wieder in Einklang gebracht werden können

SPD-Umweltpolitiker Florian von Brunn sorgt sich um die Auswirkungen des Klimawandels in den Alpen. Als er in den Herbstferien Bergsteigen war, gab es selbst auf über 2000 Metern Höhe noch keinen Schnee. „Aufgrund der Klimaerwärmung geht der Permafrost kontinuierlich zurück“, klagte von Brunn diese Woche im Landtag. Die Folge seien Steinschläge und Felsstürze (siehe Infokasten). Gleichzeitig lägen Bergsteigen, Schneeschuhwanderungen und Skitouren enorm im Trend. „Manche reden schon von einem schädlichen Ansturm auf die Berge.“ Der Abgeordnete wollte daher beim Fachgespräch Nachhaltiger Bergsport und Alpentourismus im Klimawandel von Experten wissen, wie die Zukunft der bayerischen Alpen langfristig gesichert werden kann.

Für Udo Stenzel, Geschäftsführer von Völkl, wird Bayern nicht um einen Ausbau der Skigebiete wie in Österreich herumkommen. „Für die Regionen ist es zum Teil existenziell notwendig, dass investiert wird“, betonte er. Natürlich könne man die Klimaerwärmung nicht wegreden, aber es gebe auch immer noch regelmäßig schneereiche Winter. „Ich finde es daher nicht verwerflich, in Schneekanonen zu investieren.“ Ob Gebiete tragfähig sind oder nicht, müssten allein die Investoren entscheiden. Was er nicht sagt: Skiliftbetreiber erhalten staatliche Unterstützung, und Schneekanonen haben negative Auswirkungen auf die Wasserstände. Stenzel rechnet mit einer weiteren Zunahme der Touristenzahlen: „Drei Millionen Menschen gehen in Skihallen, die wollen irgendwann auch in die Berge.“

"Jede Schneekanone sollte den Skiregionen eine Mahnung sein"

Den Skiregionen sollte jede Schneekanone eine Mahnung sein, meinte hingegen Rudolf Erlacher, Vizepräsident des Deutschen Alpenvereins. „Niemand will bestehenden Skigebieten den Hahn abdrehen“, versicherte er. Jedem müsse aber klar sein, dass sich mit den Kanonen nur etwas Zeit erkaufen lasse. Langfristig muss der Tourismus laut Erlacher auf naturnahen und sanften Tourismus setzen. Den Wettkampf gegen das Nachbarland werde Bayern sowieso verlieren: „Österreicher haben höhere Berge.“ Auch sollte statt in neue Parkplätze lieber in den öffentlichen Personennahverkehr investiert werden. „Wir haben aufgrund des Klimawandels und der neuen Trends schon jetzt ein Kapazitätsproblem im Alpenraum“, mahnte er und verwies auf die vielen Staus an den Wochenenden.

Benno Keill, Geschäftsführer von Mountain Elements, sprach sich für einen Mittelweg aus. Natürlich dürfe mit dem Einsatz von Schneekanonen in Bayern nicht übertrieben werden. „Im Vergleich zu den Beschneiungsanlagen in Tirol ist das bei uns aber bisher Pillepalle“, erläuterte er. Dadurch wird seiner Meinung nach auch verhindert, dass alle Wintersportler nur noch in die großen Skigebiete fahren. Hans Honold, Geschäftsführer von Alpine Welten, ist überzeugt, dass der Skitourismus in Bayern keine Zukunft hat. „Nur Oberstdorf und die Zugspitze werden sich halten können.“ In allen anderen Gebieten solle statt in Schneekanonen in nachhaltigen Tourismus investiert werden – also beispielsweise in die Kapazitäten von Berghütten.

Christof Schellhammer, Geschäftsführer von Vivalpin, hatte das Gefühl, über Nebelkerzen zu diskutieren. „Um bessere Angebote machen zu können, müssen wir doch zuerst herausfinden, was der Gast überhaupt will“, erklärte er. Dabei könne Tirol als Vorbild dienen: Dort würden zum einen teilweise die Daten aus den Skipässen ausgewertet, zum anderen Skiregionen für den Autoverkehr gesperrt. Eine Anreise ist nur noch mit Elektroautos oder öffentlichen Verkehrsmitteln möglich. Darüber hinaus gibt es laut Schellhammer mehr Angebote für Randsportgruppen wie Kletterer oder Mountainbiker. Und nicht zuletzt werde in Tirol stärker ins Marketing investiert. „Die haben Budgets, davon können wir in Bayern nur träumen“. (David Lohmann)

INFO: Probleme der bayerischen Alpen
Die Alpen sichern die Natur- und Artenvielfalt in Bayern sowie einen Großteil der (Trink-)Wasserversorgung im Freistaat. Doch es gibt viele Probleme:

Klimawandel: In den letzten 100 Jahren ist die Durchschnittstemperatur um über 1,5 Grad gestiegen. Die Folgen sind Hochwasser, Bergstürze, Schlammlawinen und Murenabgänge.

Bergwald: Ein Großteil des Schutzwalds ist sanierungsbedürftig. Zudem sollen am Riedberger Horn sechs Hektar Bergwald für eine Skischaukel gerodet werden.

Flächenverbrauch: Die Konkurrenz zwischen Wohnungsbau, Verkehr, Tourismus und Landwirtschaft führt zu hohen Bodenpreisen und Naturkatastrophen.

Tourismus: Die meisten Urlauber reisen mit dem Auto an – das schädigt durch Abgase und Lärm Landschaft, Natur und die ortsansässige Bevölkerung. Durch Nacht-Events und neue Trends wie Canyoning bleiben der Natur kaum Erholungsphasen.

Wirtschaft: Für die 13 Landkreise und kreisfreien Städte im Alpenraum lag das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in den letzten zehn Jahren unterhalb des bayerischen Wirtschaftswachstums von 33,5 Prozent.

Höfesterben: Durch Überproduktion, Preisverfall und die ungünstige Lage haben viele Bauern Konkurrenznachteile. Durch das Höfesterben verändert sich die Kulturlandschaft, Natur- und Artenvielfalt nehmen ab.

Wissenschaft: Im bayerischen Alpenraum mangelt es an Forschung. Aktuell gibt es für 1,5 Millionen Menschen nur zwei Hochschulen für angewandte Wissenschaften. (loh)

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